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Tauchcomputer und eCCR: Wie genau muss der Sauerstoff-Setpoint validiert sein?

Autorenbild: Michael Mutter
Michael Mutter
vor 6 Tagen
2 Min. Lesezeit

Moderne eCCRs und Tauchcomputer sind technisch hochentwickelt – doch ausgerechnet bei der Überprüfung der implementierten Dekompressionsalgorithmen gibt es erstaunliche Lücken. Ein Poster von Sofia Glashoff und Kollegen vom Blekinge Institute of Technology, Schweden, am EUBS (European Baromedical Society)-Kongress 2026 beschäftigt sich mit der Frage, ob die bestehenden europäischen Normen für Tauchcomputer und Rebreather hierfür überhaupt ausreichen.


Die Antwort der Autoren ist ziemlich klar: Nein.


Setpoint gut, (fast) alles gut. Foto: Martin Ammann
Setpoint gut, (fast) alles gut. Foto: Martin Ammann

Die Norm EN13319:2000 für Tauchcomputer beschäftigt sich hauptsächlich mit Zeit- und Tiefenmessung. Die EN14143:2013 für Rebreather wiederum definiert Anforderungen an wesentliche Komponenten des Geräts wie die Gesamtfunktion anhand des Atemwiderstandes. Was jedoch fehlt, sind standardisierte Verfahren, mit denen überprüft werden kann, ob ein im Tauchcomputer implementierter Dekompressionsalgorithmus korrekt arbeitet und unter realistischen Bedingungen valide Ergebnisse liefert.


Kleine ppO₂-Abweichung – überraschend grosser Effekt

Besonders interessant ist eine Simulation der Autoren. Sie verwendeten das Bühlmann ZHL-16C-Modell mit GF 70/70 und verglichen einen geplanten eCCR-Setpoint von 1,3 bar mit einem tatsächlichen ppO₂ von 1,2 bar. Eine solche Abweichung liegt nach der EN14143:2013-Norm noch innerhalb der akzeptierten Setpoint-Toleranz.


Trotzdem hatte sie einen messbaren Einfluss auf die berechnete Dekompression. In den Simulationen mit dem LEMGEM-Modell, mit welchem die US Navy DCS-Risiken von Tauchprofilen berechnet, ergab sich eine relative Zunahme des vorhergesagten DCS-Risikos von:

  • 16,2 % bei 30 m / 100 min mit Nitrox,

  • 12,8 % bei 60 m / 45 min mit Nitrox,

  • 23,5 % bei 80 m / 30 min mit Heliox.


Auch die gesamte Dekompressionszeit nahm sichtbar zu.


Wichtig ist dabei die Interpretation: 23,5 % bedeutet nicht, dass das absolute DCS-Risiko um 23,5 Prozentpunkte steigt. Es handelt sich um eine relative Veränderung des vom verwendeten Modells vorhergesagten Risikos.


Warum das für CCR-Taucher interessant ist

Das Beispiel zeigt ein grundsätzliches Problem: Ein Tauchcomputer kann seine Dekompression mit einem ppO₂ von 1,3 bar berechnen, während der Rebreather tatsächlich nur 1,2 bar liefert. Beide Geräte können für sich innerhalb der geltenden technischen Vorgaben funktionieren – und trotzdem basiert die Dekompressionsberechnung auf einer physiologischen Exposition, die so gar nicht stattfindet.


Gerade bei langen und tiefen CCR-Tauchgängen können sich solche zunächst klein erscheinenden Abweichungen über den gesamten Tauchgang aufsummieren. So wissen wir, dass bspw. das Bühlmann-Modell mit einem GF-Paar von 50/85 bei einem 30 minütigen 120 m-Tauchgang ein DCS-Risiko von ca. 4% aufweist. Dies würde nur wegen der ungenaueren Validation auf 5% und mehr steigen. Eine völlige inakzetable Höhe.


Damit ist aber auch gesagt, dass der Anstieg des Risikos bei weniger tiefen, kürzeren Tauchgängen kaum ins Gewicht fällt.


Fazit

Die Autoren fordern standardisierte Verfahren zur Verifikation und Validierung von Tauchcomputern und deren Dekompressionsalgorithmen. Es reicht nicht, dass ein Computer Tiefe und Zeit korrekt misst oder ein Rebreather seinen Setpoint innerhalb der zulässigen Toleranzen hält. Entscheidend ist letztlich, ob das Gesamtsystem aus Rebreather, realem ppO₂ und Dekompressionscomputer zuverlässig zusammenspielt.

Für CCR-Taucher steckt darin eine einfache Botschaft: Ein eingestellter Setpoint ist nicht zwingend der tatsächlich geatmete ppO₂ – und für die Dekompressions berechnung tiefer, langer Tauchgänge kann dieser Unterschied relevanter sein, als man zunächst vermuten würde.


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2 Kommentare


Robert
vor 6 Tagen

Mir ist nicht ganz klar, was das Fazit ist. Wenn ich den 30min@80m Heliox CCR Tauchgang mit GF 70/70 in Subsurface plane, habe ich abhängig von setpoint von 1,2 bzw 1,3bar eine runtime von 3:30 oder 3:04. Das ist schon ein deutlicher Unterschied. Die zwei Setpoints sind also durchaus verschieden. Die Konsequenz sollte doch wenn überhaupt sein, dass man 0,1bar Toleranz beim setpoint als zu viel betrachtet. Ich wäre mit den Wahrscheinlichkeitsaussagen von diesen probabilistischen Modellen sehr vorsichtig, ich habe den Verdacht, dass die nicht wirklich gut validiert sind. Man muss sich zB klarmachen, dass 5% DCS-Wahrscheinlichkeit bedeutet, dass im Schnitt jeder 20. solche Tauchgang in der Druckkammer landet. Das wäre ein Risiko, dass unter Freizeit-TEC-Tauchern doch nur ganz wenige akzeptiere…

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Michael Mutter
Michael Mutter
vor 5 Tagen
Antwort an

Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Die Autoren weisen ja gerade darauf hin, dass diese Abweichung eigentlich nicht tolerierbar ist, zumindest was die Konsequenzen für tiefe, sehr anspruchsvolle Tauchgänge angeht. Natürlich sind in diesen Überlegungen keine Gaswechsel eingeflossen. Daraus erklärt sich auch der hohe Risikoprozentsatz für Profile mit den erwähnten GFs unter dem Bühlmann-Modell. Solche Tauchgänge werden so ja gar nicht getaucht. Aber ich denke schon, dass für die daraus generierten Profile recht gute Risiken berechnet werden können. Die Datensätze der US Navy sind mutmasslich recht gross, die Parameter sind genau bekannt und die Amerikaner sind ja Weltmeister in Statistik. Das grösste Problem ist natürlich, dass diese Risiken nie prospektiv validiert werden, sondern nur via realworld-data aus geloggten Tauchgängen überprüft…

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