Kann ein MRS einen bewusstlosen Taucher retten?
- Michael Mutter

- 29. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Aug.
In den vergangenen Jahren hat der Mouthpiece Retaining Strap (MRS) im Rebreather-Tauchen zunehmend Beachtung gefunden. Internationale Organisationen wie DAN und verschiedene Rebreather-Ausbildungsorganisationen empfehlen inzwischen den Einsatz eines MRS, um das Risiko eines Wasseraspirierens bei einem bewusstlosen Taucher zu reduzieren.
Um die Vorteile eines MRS zu verdeutlichen, veröffentlichte DAN kürzlich einen Erlebnisbericht eines CCR-Tauchers. Die Botschaft ist klar: Der MRS habe dem Taucher möglicherweise das Leben gerettet. Die Geschichte ist zweifellos faszinierend – wirft bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche medizinische und tauchphysiologische Fragen auf.

Was ist ein MRS?
Ein Mouthpiecepiece Retaining Strap (MRS) ist ein elastischer Haltegurt, der am Mundstück eines Kreislauftauchgeräts (CCR) befestigt wird und hinter dem Kopf verläuft. Seine Aufgabe besteht darin, das Mundstück auch dann im Mund zu halten, wenn der Taucher das Bewusstsein verliert oder die Kiefermuskulatur erschlafft. Ziel ist es, das Risiko des Herausfallens des Mundstücks und einer anschließenden Wasseraspiration zu verringern.
Die Geschichte
Der Autor berichtet, nach zwei problemlosen CCR-Ausbildungstauchgängen mit seinen Schülern an der Oberfläche neben dem Boot gewartet zu haben, bis diese sicher eingestiegen waren. Währenddessen verlor er plötzlich das Bewusstsein. Erst etwa eine Stunde später erwachte er auf einer Tiefe von rund 45 bis 48 Metern am Meeresgrund.
Nach seinen Angaben blieb das Mundstück des Rebreathers während der gesamten Zeit dank eines MRS im Mund. Dadurch habe er trotz Bewusstlosigkeit kontinuierlich aus dem geschlossenen Kreislauf geatmet. Sein Rebreather habe den Sauerstoffpartialdruck automatisch geregelt, sodass er nach dem Wiedererlangen des Bewusstseins die erforderliche Dekompression durchführen und schließlich sicher auftauchen konnte.
Falls sich der Unfall tatsächlich so zugetragen hat, wäre dies zweifellos ein außergewöhnlicher Überlebensfall. Gleichzeitig wirft der geschilderte Ablauf jedoch eine Reihe grundlegender Fragen auf.
Die ungeklärte Ursache des Versinkens
Bereits der erste Teil der Geschichte erscheint schwer nachvollziehbar: Der Taucher verliert das Bewusstsein an der Wasseroberfläche. Zu diesem Zeitpunkt sind Wing, Trockentauchanzug und Gegenlungen resp. Teile davon mit Gas gefüllt und erzeugen einen erheblichen positiven Auftrieb. Dennoch soll der Taucher anschließend bis auf etwa 48 Meter Tiefe abgesunken sein.
Damit ein CCR-Taucher an der Wasseroberfläche versinkt, müsste zunächst ein erheblicher Teil seines Auftriebs verloren gehen. Dazu müsste unter anderem das Gasvolumen in den Gegenlungen deutlich abnehmen. Bei erhaltener Spontanatmung über ein korrekt positioniertes Mundstück ist dies jedoch nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Ein ordnungsgemäß funktionierender CCR ersetzt den metabolisch verbrauchten Sauerstoff kontinuierlich durch Sauerstoffzugabe, um den eingestellten Sauerstoffpartialdruck konstant zu halten. Dadurch wird dem Atemkreislauf fortlaufend Gas zugeführt, sodass das Volumen der Gegenlungen grundsätzlich erhalten bleibt resp. zunimmt, da der O2-Setpoint üblicherweise oberhalb des Sauerstoffpartialdruckes an der Wasseroberfläche liegt. Jeder CCR-Taucher kennt dieses Phänomen vom Prebreathing vor dem Tauchgang, bei dem sich die Gegenlungen allmählich aufblähen, wenn nicht regelmäßig abgeatmet wird.
Zusammen mit dem Auftrieb von Wing und Trockentauchanzug spricht dies gegen ein spontanes Versinken an der Wasseroberfläche. Solange der Taucher also weiterhin spontan über den Rebreather atmet und das Gerät ordnungsgemäß funktioniert, erscheint ein unbeabsichtigtes Absinken ohne zusätzliche, im Bericht nicht erwähnte Umstände physikalisch nur schwer nachvollziehbar.
Eine Stunde Bewusstlosigkeit
Ebenso unklar bleibt die Ursache der Bewusstlosigkeit. Als mögliche Erklärung nennt der Autor Übermüdung, Stress und persönliche Belastungen. Diese Faktoren können zwar Konzentration und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, erklären jedoch keinen Bewusstseinsverlust über rund eine Stunde.
Ein derart lang anhaltender Bewusstseinsverlust würde vielmehr an eine schwerwiegende medizinische Ursache wie eine Herzrhythmusstörung, einen neurologischen Zwischenfall, einen Sauerstoffmangel, eine schwere Stoffwechselentgleisung oder eine andere akute Erkrankung denken lassen. Selbst wenn eine solche Ursache vorgelegen hätte, bleibt ungeklärt, weshalb der Betroffene ausgerechnet nach etwa einer Stunde spontan und ohne Folgeschäden wieder zu Bewusstsein gekommen sein soll. Auch dieser Aspekt erscheint aus medizinischer Sicht zumindest äusserst ungewöhnlich.
Der entscheidende Punkt: der Trockentauchanzug
Der aus meiner Sicht größte Widerspruch betrifft jedoch den Trockentauchanzug. Während des Abstiegs komprimiert sich das im Anzug eingeschlossene Gas entsprechend dem Boyle-Mariotte-Gesetz kontinuierlich. Ein bewusstloser Taucher kann den Inflator des Trockenanzugs nicht betätigen und somit keinen Druckausgleich im Trockentauchanzug herbeiführen.
Auf einer Tiefe von nahezu 50 Metern schrumpft das ursprüngliche Gasvolumen auf weniger als 20 Prozent seines Volumens an der Oberfläche. Die Folge wäre ein ausgeprägter Suit Squeeze mit erheblicher Kompression des gesamten Körpers, insbesondere des Thorax und des Abdomens.
Gerade die Thoraxkompression dürfte die Atemmechanik erheblich beeinträchtigen. Dass ein bewusstloser Taucher unter diesen Bedingungen über etwa eine Stunde hinweg ausreichend spontan ventilieren kann, erscheint physiologisch äußerst fragwürdig.
Ein MRS ersetzt keine Atemwegssicherung
Grundsätzlich ist die technische Funktionsweise des Rebreathers durchaus nachvollziehbar. Bleibt das Mundstück im Mund, arbeitet der Sauerstoffsensor korrekt und steuert das Solenoid zuverlässig die Sauerstoffzugabe, kann der geschlossene Kreislauf den Sauerstoffpartialdruck grundsätzlich über längere Zeit stabil halten. Dies setzt allerdings voraus, dass der Taucher weiterhin spontan atmet.
Genau hier liegt ein weiterer kritischer Punkt. Ein MRS verhindert lediglich das Herausfallen des Mundstücks. Er stellt jedoch keine Atemwegssicherung dar. Er verhindert weder das Zurücksinken der Zunge noch andere Formen einer Verlegung der oberen Atemwege, wie sie bei bewusstlosen Patienten jederzeit auftreten können. Der MRS hält das Mundstück an seinem Platz – er hält jedoch weder den Atemweg offen noch übernimmt er die Atmung.
Der häufig übersehene Faktor: Kohlendioxid
Ein weiterer Aspekt wird in der Geschichte überhaupt nicht erwähnt: die Elimination von Kohlendioxid. Häufig entsteht der Eindruck, ein funktionierender CCR könne einen bewusstlosen Taucher einfach weiter „versorgen". Tatsächlich regelt der Rebreather jedoch lediglich die Zusammensetzung des Atemgases.
Das kontinuierlich im Stoffwechsel entstehende Kohlendioxid muss weiterhin durch ausreichende alveoläre Ventilation abgeatmet werden. Der Atemkalk entfernt CO₂ ausschließlich aus dem Atemgas im Kreislauf; er ersetzt jedoch keine Atmung.
Ist das Atemzugvolumen infolge eines ausgeprägten Suit Squeeze oder einer teilweisen Atemwegsverlegung reduziert, entwickelt sich zwangsläufig eine alveoläre Hypoventilation mit CO₂-Retention und einer (Verstärkung der) Bewusstlosigkeit. Ein technisch perfekt funktionierender Rebreather kann dieses Problem nicht kompensieren.
Mehrere Voraussetzungen müssten gleichzeitig erfüllt sein
Damit sich der geschilderte Ablauf tatsächlich so ereignet haben könnte, müssten zahlreiche voneinander unabhängige Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt gewesen sein:
Der Taucher müsste spontan versunken sein
er müsste spontan weitergeatmet haben,
die oberen Atemwege müssten während der gesamten Bewusstlosigkeit offen geblieben sein,
trotz fehlender Inflation des Trockentauchanzugs dürfte die Atemmechanik nicht wesentlich beeinträchtigt worden sein,
die alveoläre Ventilation müsste trotz Suit Squeeze ausreichend gewesen sein, um kontinuierlich Kohlendioxid zu eliminieren,
und schließlich müsste eine schwere Bewusstseinsstörung nach etwa einer Stunde spontan und folgenlos sistiert haben.
Dass alle gleichzeitig eingetreten sein sollen, macht den geschilderten Unfallhergang aus medizinischer und tauchphysiologischer Sicht zumindest sehr schwer nachvollziehbar.
Fazit
Der Mouthpiecepiece Retaining Strap mag eine sinnvolle Ergänzung der Sicherheitsausrüstung sein und in bestimmten Situationen verhindern, dass ein bewusstloser Taucher das Mundstück verliert und Wasser aspiriert. Ob dadurch tatsächlich ein Überlebensvorteil entsteht, hängt jedoch von zahlreichen weiteren Faktoren ab.
Die von DAN veröffentlichte Geschichte eignet sich meines Erachtens nur bedingt als Beleg für diesen Nutzen. Ihre Plausibilität ist – gelinde gesagt – diskutabel, da sie eine Reihe außergewöhnlicher technischer und physiologischer Faktoren voraussetzt, die im Bericht weder erläutert noch kritisch hinterfragt werden.
Ein MRS hält das Mundstück im Mund. Er ersetzt jedoch weder eine Atemwegssicherung noch eine ausreichende Spontanatmung oder Ventilation. Damit ein bewusstloser Taucher unter Wasser tatsächlich weiter atmen kann, müssen zahlreiche Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt sein – weit mehr als das bloße Vorhandensein eines Mouthpiecepiece Retaining Straps.

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