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  • AutorenbildMichael Mutter

Wie wenig braucht es für ein Lungenbarotrauma?

Das Lungenbarotrauma mit zerebraler arterieller Gasembolie (CAGE) ist ein dramatisches Krankheitsbild, bei dem Luft in den grossen Kreislauf gelangt, das Gehirn erreicht und schlaganfallartige Symptome verursacht. Das Lungenbarotrauma mit CAGE droht beim Gerätetauchen, wenn mit angehaltenem Atem aufgetaucht wird. Wie wenig es dafür braucht, illustriert dieser Fallbericht.


Foto: Patrick Oswald

Fallbericht

Eine 26-jährige Soldatin nahm an einer Übung zur Rettung aus einem untergetauchten Fahrzeug unter Verwendung eines kurzzeitigen Luftversorgungssystems (short-term air-supply system, STASS) in einem Pool teil. Das STASS liefert aus einer kleinen Pressluftflasche (200 bar) maximal 70 l Luft über einen Regulator mit Kurzschlauch.


Weil die Soldatin Probleme mit der Atmung durch das STASS hatte, musste sie die Übungen mehrmals wiederholen. Nach dem sechsten Mal traten starke Kopfschmerzen auf. Das Training wurde dennoch fortgesetzt. Nach der siebten und letzten Fluchtübung stand sie auf, verlor kurzzeitig das Bewusstsein und entwickelte eine verwaschene Sprache, sensorische Defizite und eine rechtsseitige Hemiparese (Halbseitenlähmung).


In der Notaufnahme wurde etwa 90 Minuten nach dem Unfall eine CT-Untersuchung des Kopfes und des Thorax (Brustkastens) durchgeführt. Sie zeigte keine Hirnblutung. Weder im Gehirn noch im Bereich des Brustkastens konnte freie Luft nachgewiesen werden. Auch ein Pneumothorax («Lungenriss») bestand nicht. Initial wurde ein klassischer Schlaganfall diagnostiziert. Nach Konsultation mit dem Taucharzt der Marine erfolgte jedoch die Verlegung per Lufttransport in die 1400 km entfernte nächste Druckkammer in der Annahme einer CAGE.


11 Stunden nach dem Vorfall wurde eine hyperbare Sauerstofftherapie (Druckkammerbehandlung) gemäss Navy Table 6 eingeleitet. Diese führte innerhalb einer Stunde zu einer fast vollständigen Erholung der Symptome. Die Druckkammerbehandlungen in den folgenden zwei Tagen verbesserten den Zustand weiter. Zwei MRT-Untersuchungen (Magnetresonanztomographie) des Gehirns ergaben keine pathologischen Befunde. Die Soldatin wurde vier Tage nach dem Vorfall mit nur geringfügigen Sensibilitätsstörungen entlassen.


Zusätzliche Untersuchungen, darunter Spirometrie (Lungenfunktionstest), Gerinnungsmarker, transthorakales Echokardiogramm (Herzultraschall) und ein CT-Angiogramm (CT-Untersuchung der Gefässe), ergaben keine Auffälligkeiten. Eine technische Untersuchung schloss eine Fehlfunktion des STASS aus. Das Nachstellen des Unfalls ergab, dass die maximale Wassertiefe, in der die Soldatin durch das STASS geatmet hatte, nur 75 cm betragen hatte.


Diskussion

Eine CAGE nach einem pulmonalen Barotrauma ist eine gut beschriebene Komplikation beim Gerätetauchen. Gemäss Boyle-Marriotte-Gesetz dehnt sich ein Gas proportional zum sinkenden Umgebungsdruck aus. Dies geschieht in der Lunge, wenn Gerätetaucher in der Tiefe einatmen und während des Aufstieges die Luft anhalten. Die sich ausdehnende Luft kann zu einem Riss der Alveolen und der angrenzenden Gefässe führen, wodurch Luftblasen direkt in die Lungengefässe und weiter in den grossen Kreislauf gelangen können. Erreichen sie das Gehirn, können sie die kleinen Hirngefässe verstopfen und so Symptome eines Hirnschlages auslösen wie Bewusstseinsstörungen, Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen (u.v.m).


Bereits ein transpulmonaler Druck (Unterschied zwischen dem Druck in den Alveolen und dem Umgebungsdruck) zwischen 73-90 mm Hg kann ein pulmonales Barotrauma auslösen. Der äquivalente Druck von 1 Meter Süßwasser (mfw) beträgt 75 mmHg. Dies bedeutet, dass ein Lungenbarotrauma bereits in sehr geringen Tiefen möglich ist, wenn Tauchende während des Aufstiegs nach einer maximalen Einatmung die Luft anhalten. In diesem Fall betrug die Wassertiefe des verletzenden Atemzugs nur ca. 75 cm. Die Symptomatik dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen sein, dass die Soldatin während des Aufstiegs die Luft nach einem (maximalen) Atemzug durch das STASS angehalten hat. Ob ein wiederholtes Luftanhalten während den kurz aufeinander folgenden Übungen zu einer immer stärkeren Überblähung der Lunge geführt und das Barotrauma der eigentlich gesunden Lunge letztlich provoziert hat, bleibt Spekulation. Dass die umfangreichen Untersuchungen aber keine offensichtliche Vorschädigung der Lungen ergaben, ist bemerkenswert.


Fazit

Dieser Fall unterstreicht das Potenzial für eine CAGE beim Tauchen in flachem Wasser als Folge eines Lungenbarotraumas. Treten unmittelbar nach dem Auftauchen Symptome wie Bewusstseinsverlust und neurologische Defizite auf, insbesondere nach einem Notaufstieg, muss immer an eine CAGE gedacht werden. Dies gilt insbesondere nach der Anwendung von Notsystemen für eine kurzfristige Luftversorgung, wie sie bspw. auch beim Wildwasserkayaken oder nach einem tragischen Ertrikungstod beim America’s Cup zum Einsatz kommen, da dann die Gefahr des Atemanhaltens infolge Panikreatkion oder Überforderung umso grösser ist. Therapie der Wahl ist in dieser Situation die hyperbare Sauerstofftherapie (Druckkammerbehandlung).  


Von wiederholten Fluchtübungen in kurzer Zeit wie im beschriebenen Fall muss wegen der Gefahr einer zunehmenden Lungenüberblähung abgeraten werden.



Not for everyone! Kommerziell erhältliche Spassgeräte, welche gleich funktionieren wie ein STASS, sollten wegen der Gefahr eines Lungenbarotraumas (wenn überhaupt) nur mit grosser Vorsicht und nur von brevetierten Gerätetauchenden verwendet werden.



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