Die Tauchbasis in der Höhe
- Michael Mutter

- vor 5 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Neulich geriet ich in eine Diskussion über das Tauchen auf La Palma. Die dortige Tauchbasis liegt auf rund 700 m über Meer in den Hügeln oberhalb der Küste. El Hierro, die Nachbarinsel, wird von DAN aufgrund ihrer ähnlichen Topographie zu den „top 6 most challenging dive sites“ weltweit gezählt.
Das wirft bei Vielen die Frage auf, ob nach einem Tauchgang auf Meereshöhe nicht ein relevantes Risiko besteht, beim anschließenden Aufstieg zur höher gelegenen Tauchbasis ein Dekompressionssyndrom zu erleiden.
Die dortige Tauchlehrerin Veronika Sievers, eine ausgewiesene Dekompressionsspezialistin, hat sich diesem Thema ausführlich angenommen. Dass sie als lokale Betreiberin die Einschätzung von DAN eher kritisch sieht und teilweise als unnötige Angstmacherei empfindet, überrascht nicht. Hier geht es zu ihrem Beitrag.
Interessant war für mich vor allem die anschließende Diskussion. Wie so oft driftete sie rasch ins Ungefähre ab: Statt harter Physiologie wurde über „sanfte Tauchgänge“ und „viel Deko“ gesprochen. Das offenbart vor allem eines — Wissenslücken.
Dabei existiert seit Jahrzehnten ein solides wissenschaftliches Konzept, mit dem sich genau berechnen lässt, ob in einer solchen Situation tatsächlich ein Risiko besteht. Das zentrale Stichwort lautet:
Übersättigungstoleranz — das eigentliche Fundament der Dekompressionsphysiologie
Die Übersättigungstoleranz beschreibt, wie hoch der Inertgasüberdruck in einem Gewebe gegenüber dem herrschenden Umgebungsdruck sein darf, ohne dass es zur Dekompressionskrankheit kommt.
Dieses Konzept ist keineswegs neu. Es ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert bekannt und fand um die Jahrhundertwende mit Haldane erstmals Eingang in systematische Tauchtabellen. Später wurde es unter anderem von Bühlmann weiterentwickelt und bildet bis heute das Fundament praktisch jedes modernen Dekompressionsmodells.
Gemäß Bühlmann lässt sich der maximal tolerierte Überdruck für jedes Gewebe direkt aus dem herrschenden Umgebungsdruck ableiten — er ist proportional zum Umgebungsdruck und folgt einer linearen Beziehung.
Die praktische Konsequenz ist unmittelbar einleuchtend: Mit zunehmender Höhe nimmt die Übersättigungstoleranz ab, da der Umgebungsdruck sinkt. Dies bedeutet, dass ein auf Meereshöhe noch tolerierter Gewebeüberdruck in der Höhe unter Umständen bereits zur Dekompressionskrankheit führen kann.
Das erklärt auch ein bekanntes Phänomen: Beim Bergseetauchen sind trotz geringerer Gewebeaufsättigung im Vergleich zum Tauchen auf Meereshöhe die Nullzeiten kürzer und die Dekompressionszeiten länger.
Was bedeutet das konkret für La Palma?
Was passiert nun bei einem Tauchgang auf Meereshöhe mit anschließendem Aufstieg zur Tauchbasis auf 700 m ü. M.?
Ich habe dies im Bühlmann-Modell für folgendes Szenario durchgerechnet:
2 sportliche Presslufttauchgänge
Tiefe: 40 m
Grundzeit: je 20 Minuten
Oberflächenpause: 90 Minuten
Gradient Factors: 70/85
Das Ergebnis ist bemerkenswert:
Selbst im unrealistischen Extremfall, dass man direkt nach dem zweiten Tauchgang ohne jede Wartezeit auf 700 m Höhe aufsteigen würde — also gewissermaßen „Scotty, beam me up!“ — würde die Übersättigungstoleranz gerade noch nicht verletzt.
Das Leitgewebe Nr. 7 würde dabei allerdings 99 % des maximal tolerierten Inertgasüberdrucks ausschöpfen — also haarscharf an der kritischen Grenze.
Bereits eine Stunde Wartezeit reduziert dieses Risiko deutlich: Dann würde das maßgebliche Leitgewebe Nr. 10 nur noch etwa 80 % der maximal tolerierten Übersättigung erreichen.
Dies zeigt:
Das Risiko einer Dekompressionskrankheit sinkt besonders stark in der ersten Stunde nach dem Tauchgang.
Das berühmte Dekobier erfüllt also durchaus einen physiologischen Zweck — ganz nebenbei erlaubt es auch, das Befinden der Tauchbuddies im Auge zu behalten.
Weitere sinnvolle Sicherheitsmaßnahmen
Zusätzlich lassen sich die Sicherheitsreserven weiter erhöhen durch:
Verwendung von Nitrox bei gleichzeitigem Betrieb des Computers im Luftmodus
Aktivierung des Bergseemodus am Tauchcomputer
Verwendung geeigneter Dekompressionsgase bei anspruchsvolleren Tauchgängen
Auch ein technisches Szenario habe ich betrachtet:
Ein Rebreather-Tauchgang auf 60 m mit
Grundzeit: 20 Minuten
Diluent: Trimix 18/45
Setpoint: pO₂ = 1,3
GF: 70/85
würde bei sofortigem Aufstieg auf 700 m zu einer Ausschöpfung von 99,9 % im Leitgewebe Nr. 8 führen — also direkt die Grenze erreichen.
Eine Wartezeit von einer Stunde reduziert auch hier das Risiko drastisch: Dann würde die Ausschöpfung nur noch etwa 71 % im Leitgewebe Nr. 12 betragen.
Hier zeigt sich deutlich, dass die Pause vor dem Aufstieg der entscheidende Sicherheitsfaktor ist.
Was sagen die klassischen Empfehlungen?
Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Sie entspricht exakt den seit Jahrzehnten bekannten Empfehlungen von Bühlmann, der vor jedem Höhenaufstieg nach einem Tauchgang zu mindestens einer Stunde Wartezeit rät.
Für Passfahrten nach Tauchgängen empfiehlt Bühlmann:
Erste Stunde: kein zusätzlicher Aufstieg
Danach: gleichmäßiger Aufstieg auf die Zielhöhe
Die Tabellen beginnen bei 2500 m. ü. M. Diese Höhe darf frühestens zwei Stunden nach dem Tauchgang erreicht werden (1 h Wartezeit + mindestens 1 h Aufstieg).
Fazit: Keine Tauchfolklore, sondern Physiologie
Die Schlussfolgerung ist klar: Meerestauchen mit anschließender Rückkehr zu einer auf 700 m ü. M. gelegenen Tauchbasis ist grundsätzlich sicher — vorausgesetzt, man verhält sich vernünftig.
Das bedeutet in erster Linie, nach dem Tauchen eine Pause auf Meereshöhe einzulegen, bevor man in die Höhe fährt. Die Sicherheitsmarge lässt sich darüber hinaus durch die bekannten Empfehlungen für sicheres Tauchen jederzeit weiter vergrößern.
Nicht überraschend deckt sich dies mit der praktischen Erfahrung der lokalen Tauchbasen: Trotz sehr vieler durchgeführter Tauchgänge wurde keine auffällige Häufung von Dekompressionskrankheiten beobachtet.
Weiter in deutlich größere Höhen aufzusteigen, ist allerdings eine andere Frage. Wie so oft gilt auch hier: Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll — und letztlich bleibt es eine Frage des Maßes.
Oder anders gesagt: Der Haleakalā auf Maui bleibt nach einem Tauchtrip zum Molokini-Krater tabu.



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