Ernährung beim Tauchen – mehr als nur ein Nebenthema
- Michael Mutter

- vor 12 Stunden
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Samstagmorgen, 10:00 Uhr. Ich mache mit meinem Buddy einen kurzen Tech-Dive auf 60 m. CCR, Diluent 18/45. Geplante Grundzeit 15 Minuten, danach Ausstieg aus der Tiefe und reguläre Dekompression.
Beim Auftauchen aus der Tiefe fällt mir auf, dass er beginnt zu gestikulieren. Kurz darauf steigt er etwas schneller auf, als ich es von ihm gewohnt bin. Wir bleiben in Kontakt, passen das Tempo an und durchlaufen alle geplanten Dekompressionsstopps korrekt. Nach insgesamt 55 Minuten beenden wir den Tauchgang ohne weitere Zwischenfälle.
An der Oberfläche wirkt er erleichtert, aber erschöpft. Er berichtet, dass ihm kurz nach dem Verlassen der Tiefe plötzlich sehr übel geworden sei. Er habe das Gefühl gehabt, er müsse sich übergeben, und habe deshalb den Tauchgang möglichst rasch beenden wollen.
Auf Nachfrage stellt sich heraus: Gefrühstückt hatte er an diesem Morgen nichts. Ihm sei „noch etwas schwer im Magen gelegen“. Am Abend zuvor hatte er Würste und Kohl gegessen.
Ein dramatischer Vorfall ist das nicht. Kein Dekompressionsproblem, keine technische Fehlfunktion. Und dennoch ein klassisches Beispiel dafür, wie scheinbar banale Faktoren – in diesem Fall die Ernährung – den Tauchgang beeinflussen können.
Ernährung als unterschätzter Faktor
Ernährung gehört nicht zu den klassischen Sicherheitsfaktoren im Tauchen wie Gasmanagement oder Dekompressionsplanung. Trotzdem beeinflusst sie mehrere physiologische Mechanismen, die für Taucher – insbesondere für technische Taucher mit langen Tauchzeiten, Dekompressionsstopps und grösseren Druckänderungen – durchaus relevant sind.
Dabei geht es weniger um spezielle Diäten oder vermeintlichen „Superfood“, sondern um einfache, physiologisch sinnvolle Grundprinzipien. Viele Probleme entstehen nicht durch exotische Fehler, sondern durch banale Versäumnisse: dehydriert zum Tauchplatz erscheinen, nüchtern in einen langen Tauchgang starten oder kurz vor dem Einstieg noch eine schwere Mahlzeit zu sich nehmen.
Hydratation – der wichtigste Einzelpunkt
Der wahrscheinlich wichtigste ernährungsbezogene Faktor beim Tauchen ist die Hydratation.
Taucher verlieren bereits unter normalen Bedingungen Flüssigkeit durch die Immersionsdiurese. Hinzu kommen trockene Atemgase, kalte Umgebung und die Tatsache, dass während eines Tauchgangs keine Flüssigkeitsaufnahme möglich ist. Dehydration führt zu einer Erhöhung der Blutviskosität und kann die Mikrozirkulation beeinträchtigen. Auch wenn die genauen Zusammenhänge komplex sind, wird Dehydration seit langem als ein modifizierbarer Risikofaktor für Dekompressionsprobleme angesehen.
Praktisch bedeutet das: Flüssigkeit sollte bewusst zugeführt werden und nicht erst dann, wenn Durst verspürt wird. Wer erst trinkt, wenn Durst entsteht, ist in der Regel bereits leicht dehydriert.
Nicht nüchtern tauchen
Ein weiterer häufiger Fehler ist das Tauchen im nüchternen Zustand. Viele Taucher verzichten bei einem Morgentauchgang aus Zeitgründen auf ein Frühstück oder trinken lediglich Kaffee.
Physiologisch ist das wenig sinnvoll. Ein nüchterner Stoffwechsel reduziert die Leistungsfähigkeit und kann die Kälteempfindlichkeit erhöhen. Gerade bei längeren Tauchgängen mit Dekompressionsverpflichtungen oder bei kalten Bedingungen kann eine unzureichende Energiezufuhr zu schnellerem Auskühlen, verminderter Konzentrationsfähigkeit und erhöhter Ermüdung führen.
Es ist daher sinnvoll, auch vor einem frühen Tauchgang zumindest eine kleine, leicht verdauliche Mahlzeit zu sich zu nehmen. Es geht dabei nicht um grosse Portionen, sondern um eine moderate Energiezufuhr, die den Körper stabil versorgt.
Schwere Mahlzeiten vor dem Tauchgang vermeiden
Ebenso ungünstig ist das Gegenteil: eine schwere oder sehr fettreiche Mahlzeit kurz vor dem Tauchgang.
Grosse Mahlzeiten führen zu einer starken Magenfüllung und können das Risiko für gastroösophagealen Reflux (saures Aufstossen) erhöhen. Unter Wasser ist das nicht nur unangenehm, sondern kann auch zu Übelkeit und Erbrechen führen. Zusätzlich beansprucht die Verdauung erhebliche Blutmengen im Bereich des Gastrointestinaltrakts, was subjektiv zu Trägheit und Unwohlsein führen kann.
Besonders bei körperlicher Belastung oder in kalter Umgebung kann dies die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Blähende Lebensmittel – ein physikalisches Problem
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Auswahl von Lebensmitteln, die im Gastrointestinaltrakt zur Gasbildung neigen.
Bestimmte Nahrungsmittel können durch bakterielle Fermentation im Darm Gase produzieren. Typische Beispiele sind Hülsenfrüchte, Kohl, Zwiebeln oder stark kohlensäurehaltige Getränke. Diese Gasbildung ist nicht nur ein Komfortproblem an Land, sondern kann unter Wasser relevante Auswirkungen haben.
Nach dem Boyle-Mariotte-Gesetz nimmt das Volumen eines Gases mit abnehmendem Umgebungsdruck zu. Das bedeutet: Gas, das im Magen-Darm-Trakt vorhanden ist oder durch Gärprozesse entsteht, expandiert beim Auftauchen.
Diese Volumenzunahme kann zur Dehnung der Magen- und Darmwände führen und so Druckgefühl, Übelkeit und im Extremfall Erbrechen verursachen. Gerade bei langen Dekompressionsstopps oder in beengter Ausrüstung wie Trockenanzügen kann dies zu erheblichen Problemen führen.
Deshalb ist es sinnvoll, bereits am Vorabend und insbesondere vor dem Tauchen auf stark blähende Lebensmittel zu verzichten.
Energiebedarf – besonders bei Kälte relevant
Auch der Energiebedarf beim Tauchen wird häufig unterschätzt. Während ein kurzer Warmwassertauchgang energetisch wenig fordert, kann technisches Tauchen in kalter Umgebung erhebliche Energiebedürfnisse verursachen. Kälte ist dabei ein zentraler Faktor: Thermoregulation benötigt Energie, und unzureichende Energiezufuhr führt schneller zu Auskühlung.
Dies ist nicht nur ein Komfortproblem, sondern kann operative Konsequenzen haben, da Kälte die kognitive Leistungsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigen kann.
Mehrfachtauchgänge und Tauchsafaris
Zwischen wiederholten Tauchgängen ist es sinnvoll, kleinere, leicht verdauliche Mahlzeiten zu sich zu nehmen und verlorene Flüssigkeit konsequent zu ersetzen.
Besonders relevant wird dieser Punkt auf Tauchsafaris oder bei intensiven Tauchtagen mit mehreren Tauchgängen – auch im Sporttauchbereich. Mehrere Tauchgänge pro Tag bedeuten wiederholte Belastung für Stoffwechsel, Kreislauf und Thermoregulation.
Leicht verdauliche Mahlzeiten sind daher auch hier von Vorteil, da sie eine kontinuierliche Energiezufuhr ermöglichen, ohne die Verdauung unnötig zu belasten. Gerade auf Safaris, bei denen vier oder mehr Tauchgänge pro Tag üblich sind, sollte bewusst auf diesen Punkt geachtet werden.
Alkohol und Tiefenrausch
Ein weiterer Punkt ist der Konsum von Alkohol. Alkohol wirkt diuretisch und fördert damit die Dehydration. Gleichzeitig kann er die Schlafqualität und kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Auch am Vorabend eines Tauchgangs kann Alkohol problematisch sein, da seine Effekte noch am nächsten Tag relevant sein können.
Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass Alkohol selbst eine zentralnervös dämpfende Wirkung hat und damit funktionell dem Stickstoffnarkose-Effekt ähnelt. Wer alkoholisiert ins Wasser geht, muss damit rechnen, dass ein Tiefenrausch früher einsetzt und stärker ausgeprägt ist.
Die Kombination aus Förderung der Diurese, eingeschränkter Urteilsfähigkeit durch Alkohol und narkotischen Effekten unter Druck ist aus sicherheitstechnischer Sicht besonders heikel.
Langfristige Ernährung
Langfristig spielt auch die generelle Ernährungsweise eine Rolle. Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichendem Anteil an Gemüse, Obst, komplexen Kohlenhydraten und ungesättigten Fettsäuren unterstützt die Gefäßfunktion und reduziert entzündliche Prozesse. Diese Faktoren sind zwar nicht spezifisch für das Tauchen, beeinflussen aber die allgemeine physiologische Belastbarkeit des Körpers.
Fazit – einfache Regeln, grosse Wirkung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ernährung beim Tauchen kein Spezialthema für Ernährungsenthusiasten ist, sondern ein Teil der grundlegenden Vorbereitung.
Es braucht keine besonderen Diäten und keine Nahrungsergänzungsmittel, sondern gesunden Menschenverstand. Hydriert zu tauchen, nicht nüchtern in anspruchsvolle Tauchgänge zu starten, schwere Mahlzeiten zu vermeiden, stark blähende Lebensmittel zu reduzieren und auf eine ausreichende Energiezufuhr zu achten und auf Alkohol zu verzichten, sind einfache Maßnahmen mit potenziell relevanten Auswirkungen.
Ernährung ist damit kein spektakulärer Sicherheitsfaktor – aber einer, der sich mit geringem Aufwand optimieren lässt und der gerade bei längeren, wiederholten oder anspruchsvollen Tauchgängen einen Unterschied machen kann.
Und mein Buddy? - Bei ihm war es wahrscheinlich die Kombination aus mehreren Faktoren: blähendes Essen am Vorabend, daraus resultierende Gasbildung im Gastrointestinaltrakt, die Volumenzunahme dieser Gase beim Aufstieg sowie der Verzicht auf ein Frühstück.
Diese Kombination führte sehr wahrscheinlich zur starken Übelkeit und dem Gefühl, erbrechen zu müssen – und damit zu einem operativ relevanten Problem unter Wasser, obwohl technisch und dekompressionsseitig alles korrekt ablief.



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