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  • AutorenbildMichael Mutter

«… und zum Schluss schiessen wir noch eine Boje.»

Aktualisiert: 1. März


Wer kennt ihn nicht, diesen Satz aus einem Tauchgangsbriefing. Keine Frage, Signalbojen üben beim Tauchen wichtige Funktionen aus. Es ist deshalb kein Wunder, dass in der Ausbildung grossen Wert auf ihr Handling gelegt wird. Unter den verschiedenen Techniken gilt das Aufblasen mit dem Mund als Königsdisziplin. Es finden sich im www viele Videos, deren Protagonisten diesen skill unter perfekter Tarierung vorführen. Aber macht er auch aus pathophysiologischer Sicht Sinn?


PFO und Tauchen


Ca. 25% der Bevölkerung haben ein offenes Foramen ovale (patent foramen ovale, PFO). Das PFO stellt einen Risikofaktor für arterielle Gasembolien (AGE) beim Tauchen dar. Es existieren breit anerkannte Verhaltensmassnahmen für das Tauchen mit einem PFO, wobei die Richtlinien der SUHMS hier den weltweiten Standard gesetzt haben. Prinzipiell zu unterlassen sind alle Arten von Pressmanövern oder damit verbundener Handlungen am Ende oder nach einem Tauchgang, da auf diese Weise ein PFO geöffnet wird und venöse Inertgasblasen (VGE) unter Umgehung des Lungenfilters vom rechten in den linken Vorhof und von dort als arterielle Gasembolien (AGE) in den grossen Kreislauf gelangen und so z.B. im Gehirn einen Schlaganfall auslösen können.


Ein Fallbericht verdeutlicht das Problem


Dass dies zutrifft, zeigt dieser Fallbericht. Nach einem Schlaganfall wurde bei einer 45-jährigen Patientin ein PFO gesucht und mittels Echokardiographie (Herzultraschall) gefunden (Bild A). Es gelang zunächst nicht, den Übertritt von Kontrastmittel vom rechten in den linken Vorhof zu demonstrieren (Bilder B und C). Erst als die Patientin gebeten wurde, während der Untersuchung einen Partyballon aufzublasen (Druck ca. 20 mm Hg = 26 mbar), öffnete sich das PFO, womit es zu einer arteriellen Embolisierung mit einem massiven Übertritt von Kontrastmittel in den linken Vorhof kam (Bild E, vergl. auch Video).


Akihisa Kataoka et al. J Am Coll Cardiol Case Rep 2022; 4:102-104

Das Aufblasen einer Tauchboje von Mund entspricht genau dem und stellt somit nichts anderes dar als ein Provokationsmanöver, mit dem garantiert jedes PFO geöffnet wird, und zwar ausgerechnet in der Tauchphase mit der höchsten Übersättigung und dem grössten Risiko von VGE, nämlich gegen Ende eines Tauchganges in relativ geringer Tauchtiefe. Dass dieses Manöver das Auftreten von AGE fördert, ist offensichtlich.


Pressmanöver öffnen jedes PFO.

Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass von vielen Tauchorganisationen, welche sich «Sicherheit» auf die Fahne schreiben, noch immer das Aufblasen von Tauchbojen mit dem Mund als skill geschult wird. Aus tauchärztlicher Sicht muss im Gegenteil von dieser Technik abgeraten werden. Dies gilt nicht nur für Tauchende mit PFO, für die dieses Manöver absolut verboten ist, sondern prinzipiell für alle, denn wer weiss schon, ob ein PFO vorliegt oder nicht? Besonders im technischen Tauchen verdient dies Beachtung, wo Signalbojen für das kontrollierte Absitzen von Dekompressionsstufen im Freiwasser ein unerlässliches Hilfsmittel darstellen, aber das Risiko für VGE nach tiefen, langen Tauchgängen grösser ist als beim Sporttauchen. Aus diesem Grund sollten alternative Methoden für das Setzen von Signalbojen, welche ohne Pressmanöver auskommen, favorisiert werden.


Warum es dennoch sehr selten zur DCI nach AGE kommt, AGE bei technischen Tauchern aber eher eine DCI hervorrufen als bei Sporttauchern, erläutere ich in diesem Artikel.



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