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Tauchen mit metastasiertem Krebs

  • Autorenbild: Michael Mutter
    Michael Mutter
  • vor 4 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Diese Geschichte beginnt nicht unter Wasser, sondern mit einem Einschnitt, der alles verändert: der Diagnose eines metastasierten neuroendokrinen Karzinoms. Damit ist von Anfang an klar, dass es keine Heilung geben wird. Von einem Moment auf den anderen stehen nicht mehr Alltag und Routine im Vordergrund, sondern Therapien – und die Frage, wie es weitergeht.


Dieser Beitrag basiert auf der Kampagne «Leben mit Metastasen», in der Patricia, Ärztin und Taucherin, in einem Podcast ihre Geschichte offen erzählt.


Foto: Patricia Kressig
Foto: Patricia Kressig

Zunächst bestimmen Chemo- und Immuntherapie ihren Alltag. Nach der ersten Therapielinie erreicht Patricia einen sehr guten Zustand. Gleichzeitig bleibt die Realität bestehen: Die Erkrankung gilt als nicht heilbar, ein Rückfall ist irgendwann zu erwarten. Doch im Hier und Jetzt ist sie klinisch stabil, in gutem Allgemeinzustand – und gewinnt ein Stück körperlicher Normalität zurück.


Was jetzt? Nicht mehr arbeiten können, aber sich gut fühlen – was bedeutet Leben in dieser Situation?


Für Patricia ist die Antwort klar: Leben heisst für sie Tauchen. Tauchen ist für sie weit mehr als ein Hobby – es ist ihre grosse Leidenschaft. Über Jahre hinweg hat sie nicht nur getaucht, sondern auch zeitweise als Tauchlehrerin gearbeitet. Das Wasser ist ein zentraler Teil ihrer Identität.


Mit der stabilen Phase wächst der Wunsch, dorthin zurückzukehren. Sie nimmt Kontakt mit Freunden auf, die eine Tauchbasis in Indonesien betreiben. Offen spricht sie über ihre Erkrankung – und über ihren Wunsch, noch einmal dort tauchen zu können. Die Reaktion ist unterstützend, aber mit einer klaren Forderung: eine ärztliche Freigabe.


Damit steht die entscheidende Frage im Raum: Ist sie tauchtauglich? Die Unsicherheit im Umfeld ist gross, manche halten ihren Wunsch zunächst sogar für einen schlechten Witz.


Schliesslich wendet sich Patricia an einen Berufskollegen – selbst leidenschaftlicher Taucher und tauchmedizinisch erfahren. Auch bei ihm ist der erste Moment angesichts der Diagnose von Zögern geprägt. Doch schliesslich kommt er zu Schluss: Patricia ist tauchtauglich.


Mit diesem Entscheid zögert sie nicht lange. Sie reist nach Indonesien und kehrt ins Wasser zurück. Das Tauchen wird erneut zu einem festen Bestandteil ihres Alltags.


Im weiteren Verlauf wird ihre Tauchtauglichkeit noch zweimal ärztlich bestätigt. So werden aus einzelnen Tauchgängen viele. Über dreihundert absolviert Patricia seit der Diagnose – mehr, als manche in ihrem ganzen Leben.


Tauchtauglichkeitsprüfung bei metastasiertem Krebs

Die Tauchtauglichkeit einer Patientin mit einem metastasierten, neuroendokrinen Karzinom beurteilen zu müssen, dürfte für jeden Tauchmediziner herausfordernd sein.  Was sind Überlegungen, die dabei zum Zuge kommen würden?


Remission

Zunächst würde man sich die Frage nach dem aktuellen onkologischen Status stellen. Liegt im Zeitpunkt der Beurteilung eine vollständige Remission vor? Das würde bedeuten, dass die Erkrankung mit den verfügbaren diagnostischen Methoden nicht mehr nachweisbar ist – sowohl bildgebend (z. B. mittels PET-CT) als auch laborchemisch. Gerade bei neuroendokrinen Tumoren wäre zudem zu bedenken, dass diese unabhängig von ihrer Tumorlast durch hormonelle Aktivität vielfältige systemische Effekte entfalten können. Störungen des Elektrolythaushalts oder der Gerinnung wären hier typische Beispiele – beides Faktoren, die unter Tauchbedingungen potenziell sicherheitsrelevant sind.


Allgemeine Fitness

Darüber hinaus müsste der allgemeine körperliche Zustand unabhängig von der Tumorerkrankung beurteilt werden. Ist die betroffene Person aktuell ausreichend belastbar? Bestehen funktionelle Einschränkungen infolge der durchgeführten Chemo- oder Immuntherapie oder einer stattgehabten Operation? Wie sieht die kardiorespiratorische Leistungsfähigkeit aus? In diesem Kontext würden letztlich auch die klassischen Kriterien einer Tauchtauglichkeitsuntersuchung zur Anwendung kommen.


Zeitliche Perspektive

Ein weiterer zentraler Aspekt wäre die zeitliche Perspektive. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Erkrankung im relevanten Zeitraum – etwa während einer geplanten Tauchreise – stabil bleibt? Oder besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein kurzfristiges Rezidiv (ein Wiederaufflackern des Krebses) oder eine klinische Verschlechterung? Diese Einschätzung ist naturgemäss mit Unsicherheiten behaftet, hätte aber erheblichen Einfluss auf die Entscheidungsfindung. Eine erwartbar instabile Situation oder ein bald zu erwartendes Rezidiv würde eher gegen eine Bestätigung der Tauchtauglichkeit sprechen.


Individuelle Faktoren

Schliesslich spielen auch die Erfahrung und das Verständnis der betroffenen Person eine Rolle. Bei einer medizinisch geschulten, erfahrenen Taucherin wie in diesem Fall, wäre davon auszugehen, dass sowohl die spezifischen Risiken des Tauchens als auch mögliche Warnzeichen einer klinischen Verschlechterung realistisch eingeschätzt werden. Dies ersetzt keine medizinische Beurteilung, kann aber im Rahmen einer gemeinsamen Entscheidungsfindung relevant sein.


Insgesamt würde eine solche Situation weniger durch starre Kriterien als vielmehr durch eine sorgfältige, individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung geprägt sein – mit Fokus auf dem aktuellen Zustand, der kurzfristigen Prognose und den spezifischen Anforderungen des Tauchens.


Easy dives

Auch die konkrete Ausgestaltung der Tauchgänge müsste klar eingeschränkt werden. In einer solchen Konstellation kämen ausschliesslich sogenannte „easy dives“ in Frage: also konservative, risikoarme Tauchprofile ohne technische Ambitionen. Das würde bedeuten, keine Dekompressionstauchgänge, keine komplexen Gaswechsel, keine erhöhten Anforderungen an die Ausrüstung.


Die Anzahl der Tauchgänge wäre zu begrenzen – etwa auf maximal ein bis zwei pro Tag – mit ausreichend langen Oberflächenintervallen. Die Profile selbst sollten sich klar innerhalb der Nullzeit bewegen und bewusst konservativ geplant werden.


Zentral wäre zudem die konsequente Umsetzung von Prinzipien des „low bubble diving“: langsame Aufstiege, ausgeprägte Sicherheitsstopps, Vermeidung unnötiger Belastung und insgesamt eine möglichst geringe Inertgasbelastung. Ziel wäre es, die Bildung von Mikrogasblasen so weit wie möglich zu minimieren.


Ergänzend dazu würden die allgemeinen Empfehlungen an Bedeutung gewinnen, die zwar für alle gelten, hier aber besonders strikt einzuhalten wären: konsequente Hydrierung, ausreichende Erholung zwischen den Tauchgängen, Vermeidung zusätzlicher Stressoren wie Kälte oder Erschöpfung.


Insgesamt würde das Tauchen in diesem Kontext durch ein bewusst konservatives Vorgehen geprägt sein – mit dem klaren Ziel, das Restrisiko so gering wie möglich zu halten.


Transparenz

Ein weiterer zentraler Punkt ist die vollständige Transparenz der gesundheitlichen Situation: die Offenlegung gegenüber Tauchbuddies und der Tauchbasis ist essenziell. Nur so können im Ernstfall alle Beteiligten adäquat reagieren.  


Fazit

Bei der Diagnose eines metastasierten Krebses geht es nicht nur um die Krankheit, sondern auch um Leben, Persönlichkeit und Hoffnung. Moderne Therapien können heute trotz Metastasen eine hohe Lebensqualität ermöglichen. Und für manche Betroffene kann auch das Tauchen Teil dieses Lebens sein. Patricias Geschichte zeigt, dass es möglich sein kann, trotz metastasiertem Krebs zu tauchen.

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