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  • AutorenbildMichael Mutter

Venöse Gasblasen (VGE) und das Risiko einer Dekompressionskrankheit

Aktualisiert: 16. Apr.

Wie nützlich können kommerziell erhältliche Devices zum Nachweis venöser Gasblasen nach Tauchgängen sein?

Bild: Karin Aggeler, Tauchschule H2O

Neben der direkten Wirkung von Gasblasen im Gewebe sind arterielle Gasembolien (AGE) die Ursache der Dekompressionskrankheit (decompression illness, DCI). Letztere entstehen, wenn venöse Gasblasen (meist venöse Gasembolien, VGE, genannt) unter Umgehung des Lungenfilters, wo sie zuverlässig in den Lungenkapillaren steckenbleiben und abgeatmet werden, via kardiale (auf Ebene des Herzens, z.B. PFO = offenes Foramen ovale) oder pulmonale (auf Ebene der Lunge, z.B. via intrapulmonale arteriovenöse Anastomosen, IPAVA) Rechts-Links-Shunts in die arterielle Zirkulation gelangen. Mit Ultraschall lassen sich VGE leicht detektieren. Heute versprechen kommerziell erhältliche Tools, mit denen nach einem Tauchgang selbständig venöse Gasblasen gemessen werden können, eine Optimierung der Tauchgangprofile und damit ein Minimieren des Risikos einer DCI.



Von der venösen zur arteriellen Gasembolie: Kardialer (PFO) und pulmonaler (IPAVA) Rechts-Links-Shunt. Hyperbarmanual, © Michael Mutter

Schlechte Korrelation von venösen Gasblasen mit der Dekompressionskrankheit


Seit längerem bekannt ist, dass VGE nur sehr bedingt mit dem Auftreten einer DCI korrelieren. Im Rahmen des diesjährigen Rebreather Forum 4 (RF 4) bekräftigte David Doolette, einer der führenden Dekompressionsphysiologen vom NEDU, dass dies nach wie vor gilt. So zeigte er in seinem state-of-the-art Vortrag anhand unpublizierter Daten, welche aus veröffentlichten Studien herausgerechnet wurden, dass sogar höchstgradige VGE, wie ich sie in meinem letzten Artikel gezeigt habe, in 90% bis 95% der Fälle nicht zu einer DCI führen. Zwar traten DCI tendenziell bei höherer VGE-Belastung auf, allerdings nur in vereinzelten Fällen.


"For an individual, measuring VGE ist not a useful tool."- David Doolette, Rebreather Forum 4

Noch bemerkenswerter war die Analyse des individuellen Risikos. Doolette verglich intraindividuell identische Tauchgänge, d.h. deckungsgleiche Tauchgänge, welche ein und derselbe Taucher mehrmals absolvierte. Hier zeigte sich eine grosse Streubreite von VGE. Liessen sich an einem Tag keine oder nur sehr wenige VGE nachweisen, traten nach einem identischen Tauchgang beim gleichen Taucher an einem anderen Tag sehr viele VGE auf und umgekehrt. Auch hier zeigte sich nur eine sehr schwache Korrelation des VGE-Ausmasses mit dem Auftreten einer DCI. Diese Resultate beeindrucken durch ihre sehr grosse, intraindividuelle Schwankungsbreite. Offenbar neigt man am einen Tag zu viel, an einem anderen Tag zu wenig venösen Gasblasen. Die gute Nachricht ist, dass das Risiko für eine DCI auch bei vielen VGE klein ist.

Die Gründe dafür sind sicher komplex. Wie erwähnt werden die meisten Gasblasen in den Lungenkapillaren herausgefiltert, womit die Diskrepanz zwischen VGE und DCI grossmehrheitlich erklärt ist. Wie Doolette darlegte, dürften aber auch IPAVA an dieser Varianz beteiligt sein. Unter welchen Umständen sie Gasblasen an der Lunge vorbei shunten, ist aber noch schlecht verstanden.


Fraglicher Nutzen für Tools zum Selbstnachweis venöser Gasblasen


Diese Resultate lassen erhebliche Zweifel am Nutzen der oben erwähnten, kommerziell erhältlichen Tools zum Blasen-Nachweis aufkommen. Sicherlich darf festgehalten werden, dass man an seinem Tauchprofil etwas ändern sollte, wenn man nach Tauchgängen immer eine hohe VGE-Belastung feststellt.


Weshalb sogar arteriell embolisierte Gasblasen (AGE) meist keine DCI hervorrufen, erläutere ich im nächsten Beitrag.

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