top of page
Suche
  • AutorenbildMichael Mutter

The «deepest breath» – kritische Nachlese eines riskanten Stunts

Aktualisiert: 6. März

Wiederholt wurde ich nach meiner Meinung zu diesem Film gefragt. Hier ist sie. Achtung: Enthält Spoiler!


Der Netflix-Film von Laura McGann aus dem Jahr 2023 spielt in der Szene des extremen Freitauchens (Apnoe-Tauchens). Im Fokus stehen Alessia Zecchini und Stephen Keenan.


Bestechende Einblicke in die extreme Freitauch-Szene

Keenan, ein Suchender, findet nach Jahren der Wanderschaft seine Bestimmung als Apnoe-Sicherheitstaucher, der die Athleten während Freitauchwettkämpfen beim Aufstieg aus der Tiefe begleitet und eingreift, wenn sie Hilfe benötigen. Bei einem Weltrekordversuch rettet er Alexei Moltschanov, einen Weltklasse-Freitaucher, vor dem Ertrinken durch Blackout, indem er selbst sein Leben aufs Spiel setzt. In der Folge wird Keenan zum Star unter den Sicherheitstauchern und kann seinen Lebensunterhalt als Freitauchinstruktor in Dahab, Ägypten, bestreiten.


Zecchini, eine hochtalentierte, hyperkompetitive italienische Freitaucherin stösst beim exklusiven Einladungswettkampf «vertical blue» wiederholt an ihr Limit, als sie versucht, einen gültigen Weltrekord zu brechen. Als Keenan, der sie mehrmals wegen Blackouts rettet, sich ihrer annimmt und sie schrittweise an ihre Grenzen heranführt, gelingt ihr mit 104 m Tiefe ein neuer Weltrekord.


Zecchini und Keenan werden ein Paar und setzen sich ein neues, ehrgeiziges Ziel: Zecchini soll in Dahab, im berühmt-berüchtigten «blue hole» den auf über 50 m Tiefe liegenden «arch», einen tunnelartigen Durchbruch im Riff, im Apnoe-Stil durchtauchen. Dieses äusserst gefährliche Kunststück war bis dato nur einer Frau, der legendären Natalia Molchanova, Mutter des erwähnten Alexei Molchanov, gelungen.


Tragischer Held

Im Juli 2017 endet das Unterfangen in der Katastrophe. Zecchini gelingt es zwar, den Bogen zu durchtauchen. Sie verliert aber beim Passieren des Ausganges die Orientierung und verpasst die Aufstiegsleine. In der irrtümlichen Meinung, noch innerhalb des Bogens zu sein, leitet sie den Aufstieg viel zu spät ein. Keenan, der sie als Sicherheitstaucher auf gut 50 m Tiefe im Freitauchstil in Empfang hätte nehmen sollen, verpasst sie, weil er aus Gründen, die im Dunkeln bleiben, mind. 10 Sekunden später als geplant zu ihr abtaucht. In der Tiefe realisiert er seinen Fehler und sieht, wie Zecchini, ohne ihn zu bemerken, in die falsche Richtung taucht. Es gelingt ihm, ihr nachzusetzen und sie unter Aufbieten seiner letzten Kräfte an die Wasseroberfläche zu bringen. Dort erleidet er ein Blackout. Zecchini, selbst unter Sauerstoffmangel leidend, ist nicht in der Lage, ihn auf den Rücken zu drehen und seine Atemwege freizuhalten. Keenan wird zum tragischen Helden und stirbt trotz Reanimationsmassnahmen.


Der Film besticht durch tiefe Einblicke in die extreme Freitauchszene. Der bedrohlichen Erhabenheit der Unterwasseraufnahmen, die die Wirkung der Tiefe auf die Athleten vermitteln, kann man sich schwer entziehen. Die Faszination dieses Sportes wird so teilweise nachvollziehbar.


Konsternation über einen unnötigen Tod

Der Film hat bei mir aber in erster Linie eines ausgelöst: Konsternation über den völlig unnötigen Tod von Stephen Keenan. Beim Betrachten des Filmes kamen einige Fragen in mir auf. Diese möchte ich hier ansprechen.


Von allem Anfang wurde ich den Eindruck nicht los, dass Keenan das Opfer seines eigenen Erfolges wurde. Bereits die Rettung von Molchanov schrammte um Haaresbreite an einem Desaster vorbei. Nur mit sehr viel Glück waren am Ende des Tages nicht 2 Todesfälle, nämlich diejenigen von Molchanov und Keenan, zu beklagen. Tragischerweise wird Keenan genau deswegen gehyped und erreicht dadurch seinen Status als Star-Sicherheitstaucher.


Am Tag des Tauchganges im «blue hole»herrschte viel Wind und die See war bewegt: keine optimalen Verhältnisse für das Unterfangen. Molchanova hatte den «arch» im CWT-Modus («constant weight with fins»), d.h. mit Flossen, bewältigt. Zecchini versuchte, ihr nicht nur nachzueifern, sondern sie im CNF-Stil («constant weight no fins»), d.h. ohne Flossen, was ungemein schwieriger ist, zu übertreffen. Dieser Modus dürfte zwar unter optimalen Verhältnissen innerhalb der Möglichkeiten von Zecchini gelegen haben, hatte aber beim verpatzten Aufstieg grosse Nachteile.


Zecchinis Tauchplan sah im Wesentlichen vor, sich an der Abstiegsleine in die Tiefe zu ziehen, den Bogen zu durchqueren und sich an der Aufstiegsleine an die Oberfläche ziehend wiederaufzutauchen. Sie stieg planmässig ab. Den Bogen durchquerte sie etwas rascher als geplant, die Gründe sind offen. Am ehesten liess der Stress sie schneller schwimmen. Obwohl sie eine Freitauchuhr trug, schwamm sie nach dem Verlassen des Bogens volle 40 Sekunden über die geplante Zeit weiter auf der Tiefe und war sich dessen anscheinend nicht bewusst. Weshalb sie nicht auf die Uhr schaute und den längst überfälligen Aufstieg einleitete, auch ohne die Aufstiegsleine lokalisiert zu haben, bleibt offen. Weitere Orientierungshilfen fehlten.


Kein Absicherung der entscheidenden Phase

Und hier lag der kritischste Punkt der Aktion: Zecchini musste die schmale Aufstiegsleine bei suboptimalen Lichtverhältnissen finden. Dazu war vorgesehen, dass Keenan ihr entgegentaucht, um sie am Ausgang des Bogens zu treffen und zur Oberfläche zu begleiten. Das Zeitfenster dafür war mit ca. 20 Sekunden äusserst eng. Weil Keenan seinen Tauchgang mind. 10 Sekunden später als geplant startete und Zecchini den Bogen rascher durchtauchte als vorgesehen, schrumpfte dieses rasch auf Null. Weshalb nicht eine Lampe an der Aufstiegsleine befestigt war oder ein Gerätetaucher auf Zecchini wartete, ist nicht nachvollziehbar. Auch sei die Frage erlaubt, weshalb zwar zwei Kamerataucher die Aktion festhielten, Zecchini aber nicht von einem Gerätetaucher durch den Bogen begleitet wurde. Für einen technischen Taucher wäre es ein Leichtes gewesen, sie sicher durch den Bogen zur Aufstiegsleine zu führen. Auch hätte zu ihrer Orientierung eine Führungsleine durch den «arch» gelegt werden können. Jeder ausgebildete Höhlentaucher beherrscht dies. Mit überschaubarem Zusatzaufwand hätte so ein wesentlich breiteres Sicherheitskorsett ausgelegt werden können. Nur auf Keenan als Sicherheitstaucher ohne weiteren Backup abzustellen, war sicher nicht angemessen.


Zecchini verpasste die Leine um ca. 10 m, und Keenan muss schockiert seinen kapitalen Fehler realisiert haben. Ohne Rücksicht auf seine Sicherheit spurtete er los und erreichte Zecchini nach ca. 30 Sekunden auf 40 m Tiefe. Nun rächte sich Zecchinis Tauchmodus. Auf der Tiefe war sie durch den hohen Umgebungsdruck, der ihren Neoprenanzug komprimierte, negativ tariert, mit der Folge, dass sie beim Auftauchen gegen Abtrieb arbeiten musste. An der Aufstiegsleine hätte sie sich an den Armen nach oben ziehen können. Dies war nun nicht mehr möglich und sie musste freischwimmend gegen den Abtrieb ankommen; ohne Flossen ein anstrengendes Unterfangen. Dies führte bei Zecchini in der ohnehin heiklen Phase gegen Ende des Tauchgangs und nachdem sie wesentlich länger getaucht war als geplant zu einem noch stärkeren Sauerstoffmangel als kalkuliert. Aber auch Keenan gelangte so rascher an seine physiologischen Grenzen, denn auch er hatte durch seinen Spurt bereits viel Sauerstoff verbraucht und benötigte noch mehr, während er sich abmühte, Zecchini gegen ihren negativen Auftrieb an die Oberfläche zu bringen. Dies führte schliesslich bei beiden zum Blackout.


Sicherheitstaucher?

Es stellt sich die Frage, ob ein Freitaucher, der bei einem solchen Tauchgang schon nahe an seine physiologischen Grenzen gelangt, wenn nichts schiefläuft, überhaupt eine Funktion als Sicherheitstaucher ausüben kann. Ich meine nein. Warum von Keenan nicht ein Scooter verwendet wurde, um im Notfall besser gewappnet zu sein, entzieht sich meiner Kenntnis. Immerhin werden diese bei Freitauchwettkämpfen von Sicherheitstauchern zumindest gelegentlich eingesetzt.


Komplizierend kam dazu, dass Keenan und Zecchini weit entfernt vom Boot in einem Rudel von Schnorchlern an die Wasseroberfläche gelangten, die nicht Hilfe leisten konnten, und von ihrer Crew nicht entdeckt wurden. Dies unterstreicht, wie kritisch das Auffinden der Aufstiegsleine bei diesem Wagnis war. Darüber hinaus war es dem Team seitens der Behörden unverständlicherweise nicht erlaubt, vor Ort eine Ambulanz zu stationieren, was als weitere Unzulänglichkeit des Sicherheitskonzeptes interpretiert werden muss.


Mangelhaftes Sicherheitsbewusstsein in dieser Sportart

Ist das Desaster Ausdruck eines generell bescheidenen Sicherheitsdenkens in dieser Sportart? Ich kann mich dieses Eindruckes nicht erwehren. Der Film transportiert ein limitiertes, von einem Pseudorisikomanagement übertünchtes Sicherheitsbewusstsein, welches die realen Risiken vernebelt. (Davon zeugen die x-Mal gezeigten, schwer erträglich anzuschauenden Blackouts während des «vertical blue», welche nichts anderes sind als mutwillig in Kauf genommene, gerade noch glimpflich abgelaufene Ertrinkungsunfälle.) Die konzeptionelle Vorbereitung des Freitauchganges im «blue hole» dürfte darunter gelitten haben und ich frage mich, ob die Protagonisten überhaupt in der Lage waren, eine solches Unternehmen unter Berücksichtigung aller nötigen Aspekte zu planen. Letztlich aber war es eine unglückliche Verkettung von Ereignissen, die zum Desaster führte.

87 Ansichten1 Kommentar

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

1 commentaire


Danilo Giacomini
Danilo Giacomini
25 avr.

Sehr spannende Analyse des Falles, danke war sehr interessant und verständlich zu lesen!

J'aime
bottom of page