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  • AutorenbildMichael Mutter

It's the rig balance, stupid!

Aktualisiert: 29. Juni

Mit etwas Glück erreicht uns der Sommer auch dieses Jahr. Es locken dann in unseren Breitengraden Tauchgänge in unkompliziertem Neopren-Outfit statt Trocki. Warum es keine gute Idee ist, die Sporttauchgrenzen im Neoprenanzug auszuloten, darauf geht dieser Beitrag ein.


Foto: Patrick Oswald

Oder mal anders gefragt:


Weshalb benötigt man in Schweizer Seen beim Tauchen einen Trockenanzug? (Mehrere Antworten möglich)

1)    Als Kälteschutz

2)    Als Auftriebshilfe

3)    Als Techi-statement


Wer (auch) Antwort 2) gewählt hat, kann sich den Artikel sparen. Alle anderen sollten weiterlesen.


Eine Tauchausrüstung erzeugt an der Wasseroberfläche Auftrieb - trotz ihres Gewichtes an Land. Um abtauchen zu können, benötigt man deshalb Zusatzgewicht. Dazu dient Blei. Seine Menge muss so gewählt werden, dass während des Tauchganges zu jedem Zeitpunkt ein neutraler Auftrieb sichergestellt ist. Die Menge an Gewicht, die ein Taucher benötigt, entspricht dem größten positiven Auftrieb, den er während seines Tauchgangs erfahren wird. Dieser wird erreicht, wenn er am Ende seines Tauchgangs in flaches Wasser aufsteigt, wenn der größte Teil des Gasgewichts verbraucht ist und, falls er einen Neoprenanzug trägt, keine Kompression des Anzugsmaterials durch den Druck in der Tiefe mehr besteht. Bei idealer Bebleiung sollte der Taucher bei seinem letzten Aufstiegsstopp mit null Gas in der Tarierweste neutral im Wasser schweben. Auf diese Weise wird ein unkontrollierter Aufstieg mit der Gefahr von Barotrauma und Dekompressionskrankheit verhindert.


Ein "balanced rig" gewährleistet während des gesamten Tauchganges eine neutrale Tarierung.

Ist die Ausrüstung gewichtsmässig korrekt austariert, ist sowohl ein problemloses Abtauchen als auch ein kontrolliertes Auftauchen zu jedem Zeitpunkt des Tauchganges garantiert. Dieses Konzept firmiert unter dem Schlagwort «balanced rig». Dabei ist unbedingt darauf zu achten, dass nicht zu viel Blei mitgenommen wird, damit auch bei defekter Tarierweste ein Aufstieg noch möglich ist. Hier spielt die Art des Anzuges eine entscheidende Rolle.


Die folgende Tabelle soll dies verdeutlichen:

An der Wasseroberfläche resultiert in einer hypothetischen Standardsitutation mit einer Doppel-Zwölf-Konfiguration (D12) ein Abtrieb von ca. 100 N. Dieser muss unter Wasser ausgeglichen werden. Wir nehmen an, dass mit einem Standard-Wing getaucht wird (40 lbs). Dieser erzeugt einen maximalen Auftrieb von 18 l entsprechend 180 N, schafft dies also sogar dann, wenn der Trockenanzug mit Wasser volläuft und seine 80 N Auftrieb dahinfallen.


Neopren-Nassanzüge verlieren ihren Auftrieb mit zunehmender Tauchtiefe.

Anders sieht es mit einem Neoprenanzug aus. Sein Material wird mit zunehmender Tiefe durch den steigenden Umgebungsdruck komprimiert, was zu einem stetigen Verlust seines Auftriebs und einem viel grösseren Abtrieb als beim Trockenanzug führt, da dieser durch eine stetige Befüllung mit Gas seinen Auftrieb unter Wasser nicht verliert. Deshalb resultiert mit einem Neoprenanzug auf 30 m ein grösserer Abtrieb als an der Wasseroberfläche. Problematisch wird es, wenn der Wing ausfallen würde. Dem Abtrieb könnte nur noch mit Flossenschlägen (ca. 50 N) und bedingt mit der Lunge unter maximaler Einatmung (ca. 20 N wenn überhaupt) entgegengewirkt werden. Auch das Abwerfen des Bleis würde nicht helfen. Der Taucher würde weiter absinken und hätte ohne Hilfe von aussen keine Chance mehr, aufzutauchen.


Hält man sich Konfigurationen vor Augen, die in Schweizer Seen oft zu sehen sind, nämlich, dass mit mehr Blei getaucht wird, gerät dieses setup mit einem Neoporen-Anzug bereits auf 30 m Tiefe an seine Grenze, indem der Wing maximal befüllt werden muss, um eine neutrale Tarierung zu gewährleisten (180 N Auftrieb). Auf grösseren Tiefen wird auch der Wing überfordert und es muss aktiv mit Flossenschlägen gegen ein Absinken gearbeitet werden.


Wie sieht es mit einer 15l-Stahl-Flasche aus? Nicht viel besser. Zwar ist der Abtrieb auf 30 m geringer. Aber auch hier würde die Situation bereits auf 30 m Tiefe bezüglich Auftauchens hochkritisch, wenn der Wing ausfallen würde (Abtrieb > 100 N).


Mit Trockenanzug besteht diese Gefahr nicht. Er dient als zusätzliche Auftriebshilfe und kompensiert den Ausfall des Wings bei Weitem. Bedenkt man, dass die Wassertemperaturen in Schweizer Seen auf Tiefen jenseits der 30 m ganzjährig im tiefen einstelligen Bereich verharren und deshalb ohnehin ein konsequenter Kälteschutz angezeigt ist, gibt es eigentlich keinen Grund, mit Neopren-Nassanzügen die Sporttauchgrenzen auszuloten.

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