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  • AutorenbildMichael Mutter

Eine kleine Dekompressionslehre 3 - Die Nullzeit

Nullzeit bedeutet, dass während eines Tauchganges aus der Tiefe direkt an die Oberfläche aufgestiegen werden kann, ohne dass in einem Gewebe-Kompartiment die Übersättigungstoleranz tangiert wird und es zu Blasenbildung resp. zur Dekompressionskrankheit kommt.

Wie wir in den vorangegangenen Beiträgen gesehen haben, lässt sich die Übersättiungstoleranz eines Gewebes im Modell von Bühlmann (und Keller) anhand des Inertgasdruckes im Gewebe und zweier gewebsspezifischer Koeffizienten sehr einfach berechnen (A.A. Bühlmann. Dekompression - Dekompressionskrankheit. Springer 1983).



Walensee. Bildvorlage: Karin Aggeler

Die Formel





liefert den tolerierten Umgebungsdruck (Pamb.tol) für einen bestimmten Inertgasdruck (p) im Gewebe eines Kompartimentes. Weil der Inertgasdruck (p) während eines Tauchganges infolge Auf- oder Entsättigung variiert, verändert sich auch der der tolerierte Umgebungsdruck laufend. Solange dieser tiefer ist als der Umgebungsdruck an der Wasseroberfläche, kann direkt ohne Dekompressionsstopps aufgetaucht werden. Der Tauchgang befindet sich in der Nullzeit. Grafisch sieht dies folgendermassen aus:


Wir machen einen Tauchgang auf 40 m mit Pressluft und schauen uns 2 Kompartimente an. Kompartiment 2 sättigt Stickstoff schneller auf als Kompartiment 7. Der Umgebungsdruck an der Wasseroberfläche betrage 1 bar. Die Kurve für den tolerierten Umgebungsdruck in Kompartiment 2 schneidet die 1 bar-Achse nach 10 min. Weil der tolerierte Umgebungsdruck danach über 1 bar liegt, darf nicht mehr direkt an die Wasseroberfläche aufgestiegen werden.

Der Graph für den maximal tolerierten Umgebungsdruck in Kompartiment 7 schneidet die 1 bar-Achse später. Die Nullzeit für Kompartiment 7 ist erst nach 28 min. überschritten. Kompartiment 2 ist in diesem Beispiel führend und bestimmt die Nullzeit. Es wird deshalb als Leitgewebe bezeichnet. Für einen Tauchcomputer ist es nicht nur ein Leichtes, dies laufend für alle Gewebe-Kompartimente eines Modells zu berechnen, sondern auch die verbleibende Nullzeit anzugeben.


Dies funktioniert natürlich auch für die Fortsetzung des Tauchganges mit Änderung der Tiefen (Abbildung 2):

Nach 15 min. tauchen wir von 40 m auf 30 m (4 bar Umgebungsdruck) auf und bleiben dort für 10 Minuten (bis Minute 25 des Tauchganges). Wir befinden uns dabei seit Tauchminute 10 in einer Dekompressionsverpflichtung, da der tolerierte Umgebungsdruck für Kompartiment 2 (gestrichelte blaue Linie) seitdem über dem Oberflächendruck von 1 bar liegt. Der Inertgasdruck bleibt in Kompartiment 2 ab Minute 15 fast konstant, Kompartiment 7 sättigt aber weiter auf. Nach 25 Minuten Tauchzeit tauchen wir bis 20 m (3 bar) auf. Der Inertgasdruck in Kompartiment 2 fällt wieder ab. Als Folge dessen unterschreitet der tolerierte Umgebungsdruck von Kompartiment 2 nach 38 Minuten Tauchzeit den Oberflächen-Umgebungsdruck (1 bar) wieder. Da zu diesem Zeitpunkt auch der tolerierte Umgebungsdruck von Kompartiment 7 (orange gestrichelte Linie) noch unter 1 bar liegt, wäre ein direktes Auftauchen zur Wasseroberfläche wieder möglich. Die Nullzeit beginnt ab diesem Zeitpunkt wieder zu laufen.

Während Kompartiment 2 entsättigt und damit nicht mehr für die Dekompression relevant ist, steigt der Inertgasdruck in Kompartiment 7 weiter an. 8 Minuten später, bei Tauchminute 46, übersteigt der tolerierte Umgebungsdruck von Kompartiment 7 den Umgebungsdruck an der Oberfläche (1 bar). Damit ist die Nullzeit für Kompartiment 7 nach 8 Minuten abgelaufen und es besteht wieder eine Dekompressions-Verpflichtung. Kompartiment 7 ist zum Leitgewebe geworden.

 

Dieses Beispiel illustriert, wie die Führung für die Dekompression vom «schnelleren» Gewebe (Kompartiment 2) beim Erreichen einer geringeren Tiefe auf das «langsamere» Gewebe (Kompartiment 7) übergeht. Dies hat Konsequenzen für die Dekompressionstaktik (z.B. deep-stopps). Dazu mehr in einem zukünftigen Beitrag. Die hier geschilderten Sprünge zwischen einer Dekompressionsverpflichtung und der Nullzeit können auch während realer Tauchgänge, bei denen Tauchcomputer mit wesentlich mehr Kompartimenten rechnen, beobachtet werden.

 

Das ist aber schon die ganze Hexerei. Mehr braucht es nicht, um die Nullzeit während eines Tauchganges im Griff zu haben.

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