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  • AutorenbildMichael Mutter

Eine kleine Dekompressionslehre 2 - Die Übersättigungstoleranz praktisch angewandt



Im vergangenen Beitrag wurde die Übersättigungstoleranz erläutert. Zur Rekapitulation: Diese stellt die Grenze dar, bei dem es in einem Gewebe, welches gegenüber seiner Umgebung mit Inertgas (Stickstoff oder Helium) übersättigt ist, zu Blasenbildung und damit zur Dekompressionskrankheit kommt. Sie lässt sich anhand einer linearen Funktion in Abhängigkeit vom Umgebungsdruck einfach berechnen. Bühlmann, der Zürcher Tauchforscher hat diese Beziehung folgendermassen formuliert:

 

 

 


wobei Ptol dem maximal tolerierten Inertgasdruck (z.B. Stickstoff) im Gewebe beim Umgebungsdruck Pamb entspricht und die Koeffizienten a und b spezifisch einem Gewebe zugeordnet werden.

 

Die nächste Abbildung verdeutlicht den Zusammenhang praktisch für das Tauchen: Nach einem Tauchgang mit Pressluft auf 40 m (5 bar Umgebungsdruck) würde der Inertgasdruck in einem Gewebe (hier als Bsp. Kompartiment 7) 2.43 bar betragen. Erst beim Unterschreiten eines Umgebungsdruckes von 1.65 bar würde es zur Blasenbildung kommen. Konkret bedeutet dies, dass bis auf eine Tiefe von 6.5 m (entsprechend 1.65 bar) aufgetaucht werden kann.

Noch einfacher wird es, wenn die obige Gleichung nach Pamb aufgelöst wird. Dann erhält man:



 


Auf diese Weise kann der Wert aus der Abbildung, der dort grafisch ermittelt wurde, direkt berechnet werden, wobei  Pamb.tol dem tolerierten Umgebungsdruck für einen bestimmten Inertgasdruck (p) im Gewebe eines Kompartimentes entspricht.

Weil der Inertgasdruck (p) im Gewebe für jedes Kompartiment während eines Tauchganges bekannt ist (durch Berechnung aus der Sättigungsgleichung), kann mit dieser Formel jederzeit bestimmt werden, auf welche Tiefe das jeweilige Kompartiment aufsteigen darf, ohne dass es zur Blasenbildung kommt.

 

Für unser Beispiel ergibt sich für Kompartiment 7

 

(2.4300 bar – 0.5282 bar) x 0.8693 = 1.6532 bar, was einer Tiefe von 6.5 m Tiefe entspricht (wie grafisch ermittelt).

 

Die praktische Relevanz liegt auf der Hand: Tauchcomputer berechnen diesen Wert laufend nicht nur für ein, sondern für alle Gewebe eines Modells, wobei der Umgebungsdruck vom Drucksensor geliefert wird und die entsprechenden Koeffizienten aus dem zugehörigen Dekompressionsmodell stammen. Auf diese Weise orientieren sie den Taucher darüber, ob er direkt Auftauchen darf oder Dekompressionsstopps einlegen muss.


Es ist das grosse Verdienst von Bühlmann, dass es ihm neben der Beschreibung der Sättigungskinetik nicht nur gelang, die Übersättigungstoleranz der Gewebe zu ermitteln, sondern er das von ihm und Keller entwickelt Modell auch vollständig publizierte und der Öffentlichkeit vollumfänglich zur Verfügung stellte (A.A. Bühlmann. Dekompression - Dekompressionskrankheit. Springer 1983), dies ganz im Gegensatz zu anderen Modellen (wie bspw. dem RGBM – Reduced Gradient Bubble Model), welche proprietär sind und nie vollständig publiziert wurden. Auch heute kommt es in Tauchcomputern der neuesten Generation weit verbreitet zur Anwendung (Modell ZH-L 16 C).


Seitdem hat es jedoch keine echten Innovationen in diesem Bereich gegeben. Obwohl weitere Modelle wie RGBM und VPM für moderne Tauchcomputer entwickelt wurden, übertrifft keines davon das Bühlmann-Modell. Hersteller, die das Bühlmann-Modell in ihren Tauchcomputern verwenden, profitieren daher von Forschungsarbeit, die über 40 Jahre alt ist, ohne jemals in deren Entwicklung oder Aktualisierung investiert zu haben. Die fürstlichen Margen werden großzügig auf die Verbraucher abgewälzt, die bereit sind, dafür überhöhte Preise zu zahlen.

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