Der 3-Minuten-Safety-Stopp
- Michael Mutter

- 4. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Neulich wurde ich von einem sehr erfahrenen Tauchinstruktor gefragt, wie sinnvoll denn aus heutiger Sicht der klassische 3-Minuten-Safety-Stopp eigentlich noch sei. Eine spannende Frage – denn der 3-Minuten-Safety-Stopp auf 5 m gehört heute praktisch zum Standardrepertoire des Sporttauchens. Millionenfach wird er jedes Jahr durchgeführt. Kaum ein Sporttauchgang in den Ferien endet ohne die einprägsame Regel: „Am Ende jedes Tauchgangs drei Minuten auf fünf Metern.“ Viele Tauchcomputer zählen ihn automatisch herunter, viele Taucher führen ihn durch, ohne überhaupt noch darüber nachzudenken.

Kein eigentlicher Dekostopp
Dabei wird ein wichtiger Punkt häufig vergessen: Der klassische Safety-Stopp ist definitionsgemäss gerade kein eigentlicher Dekompressionsstopp. Er wird bei Nullzeittauchgängen durchgeführt, also bei Tauchgängen, die theoretisch auch ohne verpflichtende Dekompression direkt beendet werden dürften. Genau deshalb heisst er eben nicht „Dekostopp“, sondern „Safety-Stopp“. Nur – wozu dient er dann überhaupt?
Die historischen Ursprünge
Die Geschichte des Safety-Stopps ist eng mit der Entwicklung des modernen Sporttauchens verbunden. Bereits in den 1970er-Jahren untersuchte Andrew Pilmanis den Zusammenhang zwischen Aufstiegsgeschwindigkeit, kurzen Zwischenstopps und venöser Gasblasenbildung nach Tauchgängen. Dabei zeigte sich mit Ultraschalluntersuchungen, dass langsameres Auftauchen beziehungsweise kurze Stopps kurz vor der Oberfläche mit einer geringeren venösen Blasenlast (venöse Gasembolien, VGE) assoziiert waren. Besonders relevant war die Beobachtung, dass gerade die letzten Meter des Aufstiegs einen disproportional grossen Einfluss auf die Blasenbildung haben. Diese Erkenntnisse trugen wesentlich dazu bei, die Idee eines kurzen Sicherheitsstopps am Ende von Nullzeittauchgängen zu etablieren.
In den 1980er-Jahren tauchte der Safety-Stopp zunehmend in der Sporttauchausbildung auf, unter anderem im PADI Open Water Manual. Später popularisierte die bekannte PADI-Kampagne „SAFE Diver – Slowly Ascend From Every Dive“ das Konzept endgültig.
Die Masterarbeit von Donna Uguccioni bestätigte 1994 die oben erwähnte Beobachtung von Pilmanis. Sie untersuchte mittels Doppler-Ultraschall VGE nach Tauchgängen und konnte zeigen, dass Taucher mit Safety-Stopp tendenziell weniger VGE aufwiesen als Taucher ohne Stopp. Diese Arbeit wird bis heute häufig als Argument für den Safety-Stopp angeführt.
Wie gut ist die Evidenz wirklich?
Allerdings muss man dabei ehrlich bleiben: Die Evidenz, dass ein 3-Minuten-Stopp auf 5 m tatsächlich klinisch manifeste DCS verhindert, ist dünn – um es zurückhaltend zu formulieren. Der Safety-Stopp ist damit weniger eine harte wissenschaftliche Gewissheit als vielmehr eine plausibel begründete Sicherheitsmassnahme.
Warum die letzten Meter so kritisch sind
Physiologisch betrachtet ist der klassische Safety-Stopp ein interessanter Zwitter. Einerseits wirkt er tatsächlich wie ein kleiner Dekompressionsstopp: Der Taucher verbleibt für einige Minuten auf moderatem Umgebungsdruck, wodurch gelöstes Inertgas weiter abgeatmet werden kann. Andererseits erfüllt er eine zweite, wahrscheinlich ebenso wichtige Funktion: Er verhindert den schnellen letzten Aufstieg zur Oberfläche.
Bereits bei Albert A. Bühlmann findet sich dieses Prinzip: In seinen Tabellen empfahl er bei Nullzeittauchgängen einen kurzen Halt von einer Minute auf 3 m. Dabei ging es allerdings ausdrücklich nicht um zusätzliche Dekompression im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr darum, die Aufstiegsgeschwindigkeit unmittelbar vor dem Erreichen der Oberfläche zu brechen.
Schon damals war also die Idee präsent, dass gerade die letzten Meter des Aufstiegs physiologisch besonders kritisch sind – nicht nur wegen der möglichen Mikroblasenbildung, sondern auch wegen der Gefahr eines Barotraumas. Der Safety-Stopp entschärft diesen letzten Druckabfall gewissermassen mechanisch, indem er den Taucher zwingt, den Aufstieg zu unterbrechen. So ermöglicht er auch mehr Zeit für den Druckausgleich und schützt vor Barotraumata.
Deshalb ist es Unsinn, den Safety-Stopp auf 5 m sauber und diszipliniert zu absolvieren, um anschliessend die letzten Meter an die Oberfläche zu schiessen. Genau der finale Abschnitt nach dem Safety-Stopp bleibt druckphysikalisch der kritischste Teil des gesamten Aufstiegs. Der eigentliche Nutzen des Safety-Stopps entfaltet sich daher erst dann vollständig, wenn auch die letzten Meter langsam und kontrolliert durchgeführt werden.
Warum nicht tiefer?
Ein Safety-Stopp darf nicht beliebig tief durchgeführt werden. Ein tieferer Safety-Stopp auf beispielsweise 10 m oder gar 12 m klingt intuitiv vielleicht vorsichtiger, kann aber physiologisch kontraproduktiv sein. Gemäss den Überlegungen von Bühlmann kommt es bei einem Presslufttauchgang im Meer in Tiefen von weniger als 6,4 m zu keiner Aufsättigung mehr, welche die Übersättigungstoleranz selbst der empfindlichsten Gewebe überschreiten würde.
Dies ist der eigentliche Grund, weshalb der klassische Safety-Stopp nicht tiefer durchgeführt wird. Auf 5 m lässt sich weiterhin Inertgas aus den stärker gesättigten Geweben eliminieren, ohne dass (langsame) Gewebe, welche ggf. noch Inertgas aufnehmen, in einen kritischen Bereich gelangen.
Fairerweise muss man allerdings festhalten, dass diese Überlegung bei einem echten Nullzeittauchgang eher akademischer Natur ist. Die zusätzliche Inertgasaufnahme während eines kurzen Stopps auf 5 m dürfte in den Sporttauchszenarien kaum klinische Relevanz besitzen.
Allerdings hat auch die geringe Tiefe ihre praktischen Nachteile. Alle Taucher kennen das Problem: Auf 5 m perfekte Tarierung zu halten ist deutlich schwieriger als auf 10 m. Kleine Volumenänderungen im Jacket oder in der Lunge führen unmittelbar zu starken Tiefenschwankungen. Besonders bei Welle oder Strömung besteht deshalb die Gefahr, versehentlich bis an die Oberfläche aufzusteigen. Und genau das ist unerwünscht, weil dadurch der kontrollierte Druckabbau verloren geht.
Der Safety-Stopp bewegt sich somit in einem Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis. Zu tief ist ungünstig wegen weiterer Aufsättigung, zu flach erhöht die Gefahr unbeabsichtigter Oberflächenkontakte. Fünf Meter stellen letztlich einen pragmatischen Kompromiss dar.
Abgrenzung zum technischen Tauchen
Wichtig ist ausserdem die klare Abgrenzung zum technischen Tauchen. Im Sporttauchen handelt es sich beim Safety-Stopp definitionsgemäss um einen freiwilligen Zusatzstopp innerhalb der Nullzeitgrenzen. Im technischen Tauchen hingegen wird echte Dekompression durchgeführt – geplant, modellbasiert und häufig unter Verwendung von Dekompressionsgasen. Dort sind Stopps keine zusätzliche Sicherheitsmassnahme mehr, sondern integraler Bestandteil des Tauchgangs. Ein technischer Dekostopp auf Sauerstoff oder Nitrox hat physiologisch eine völlig andere Bedeutung als der klassische PADI-Safety-Stopp.
Tauchpraxis
Daneben hat der Safety-Stopp oft auch ganz praktische Funktionen, die mit Dekompressionsphysiologie nichts zu tun haben. So kann er dazu dienen, ein Buddy-Team wieder zusammenzubringen oder eine ganze Gruppe vor dem Auftauchen nochmals zu sammeln. Gerade bei anspruchsvolleren Bedingungen – beispielsweise bei Strömungstauchgängen im Meer oder bei Bootstauchgängen – kann dieses kurze Innehalten unmittelbar vor dem Auftauchen sehr wertvoll sein. Der Safety-Stopp schafft einen Moment der Ruhe und Orientierung, bevor man an die Oberfläche zurückkehrt, wo Wellen, Strömung oder Bootsverkehr zusätzliche Herausforderungen darstellen können.
Fazit
Als Fazit bleibt festzuhalten, dass der klassische Safety-Stopp trotz begrenzter harter Evidenz physiologisch plausibel und praktisch sinnvoll erscheint. Besonders bei wiederholten, tieferen oder grenzwertigen Nullzeittauchgängen dürfte er eine zusätzliche Sicherheitsreserve darstellen. Treffend formuliert wird es in Diving and Subaquatic Medicine:
“Such stops are probably useful in reducing the incidence of DCS on routine no decompression dives.”
(Edmonds C, Bennett M, Lippmann J, Mitchell S. Diving and Subaquatic Medicine, S. 160), CRC-Press, Kindle-Version
Vielleicht beschreibt genau dieses vorsichtige „probably useful“ den Safety-Stopp am besten: keine magische Garantie gegen die Dekompressionskrankheit, aber eine einfache, vernünftige und wahrscheinlich hilfreiche Massnahme am Ende eines Sporttauchgangs.



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