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  • AutorenbildMichael Mutter

Bauchschmerzen nach dem Tauchen

Fallvignette

Der 54-jährige Mann suchte die Notfallstation auf einer Insel im Indischen Ozean wegen akuten Bauchschmerzen auf. Er präsentierte sich in dramatischem Zustand mit Zeichen eines Kreislaufschockes mit Hypotonie (zu tiefer Blutdruck), Bradykardie (zu langsamer Puls) und Hypothermie (Unterkühlung), war leicht verwirrt und konnte schlecht über sich Auskunft geben. Der Bauch war hart gespannt, die Bauchhaut fleckig marmoriert.  Das rechte Bein war teilweise gelähmt und an beiden Beinen war das Gefühl gestört. Unter Flüssigkeitsgabe konnte der Zustand stabilisiert werden.


Bildvorlage: Patrick Rhyner, Tauchschule H2O

Weil eine akute, schwerste Erkrankung der Bauchorgane vermutet wurde wie bspw. eine Aortendissektion (Aortenriss) oder ein Ileus (Darmverschluss), wurde zuerst eine notfallmässige Ultraschalluntersuchung durchgeführt, gefolgt von einer Computertomographie. Diese zeigten keine akuten Pathologien der Bauchorgane. Es liess sich jedoch sehr viel Luft in den grossen Darmvenen feststellen. Daraufhin wurde der Patient noch einmal zur Vorgeschichte befragt. Nun erzählte er, dass er gleichentags 3 Tauchgänge mit Pressluft auf Tiefen von 23 m, 22 m und 21 m unternommen hätte mit Tauchzeiten zwischen 41 und 57 Minuten und Oberflächenpausen von 65 resp. 105 Minuten Dauer. Am Abend zuvor sei er angereist, hätte mit Freunden gefeiert und einige Whiskeys konsumiert. Der Tauchcomputer hätte während den Tauchgängen keine Alarme angezeigt.


Nun wurde die Diagnose einer abdominalen DCI (Dekompressionskrankheit des Bauchges) gestellt und der Tauchmediziner (DMO, diving medical officer) der nahegelegenen Marinebasis kontaktiert, welcher den Verdacht bestätigte. Unter maximaler Sauerstoffgabe über eine Maske (15 l/’) besserten die Lähmungserscheinungen und die Gefühlsstörungen an den Beinen innert Minuten. Der Patient wurde umgehend in die Druckkammer der Marinebasis verlegt, wo eine Behandlung gemäss Navy Table 6 eingeleitet wurde. Bereits während der zweiten Phase des Behandlungsprotokolls verspürte der Patient eine deutliche Besserung seiner Bauchbeschwerden. Die Behandlung wurde bis zur maximal erlaubten Therapiezeit auf 2.8 bar Umgebungsdruck ausgeweitet. Die Überwachung über Nacht gestaltet sich unkompliziert mit nur noch wenigen Bauchschmerzen. Die Druckkammerbehandlung wurde am nächsten Tag wiederholt. Während dieser verschwanden die Symptome ganz. 3 Tage nach Erkrankungsbeginn zeigte eine erneute Computertomographie keine Luft mehr in den Bauchvenen. Der Patient blieb anhaltend beschwerdefrei mit normaler Darmfunktion. Er wurde aus dem Spital entlassen mit der Empfehlung, für mindestens 3 Tage nicht zu fliegen und frühestens nach 30 Tagen und erst nach einer tauchmedizinischen Konsultation wieder zu tauchen.


Diskussion

Die abdominale DCI ist eine seltene Manifestation eines Dekompressionszwischenfalls. Die dabei entstehenden Gasblasen führen zu einer Verstopfung der grossen Darmvenen und schliesslich zu einer Gerinnungsstörung, die sich wie eine Mesenterialvenenthrombose (Gerinnselbildung in den Darmvenen) auswirkt mit der akuten Gefahr einer Darmnekrose (Absterben des Darmes). Schock und massive Bauchschmerzen sind die Folge. Darüber hinaus zeigte der Patient auch Symptome einer spinalen DCI (Rückenmarksbeteiligung). Begünstigende Faktoren für die DCI waren in diesem Fall die Repetitivtauchgänge und die Dehydratation als Folge der alkoholseligen Feier am Abend vor dem Tauchgang. Aufgrund des Ausmasses der Blasenbildung und des Hautbefundes einer Cutis marmorata muss bis zum Beweis des Gegenteils angenommen werden, dass auch ein PFO (offenes Foramen ovale) mitverantwortlich für die DCI war.


Take home messages

  1. Die Dekompressionskrankheit kann praktisch alle Organsysteme betreffen und viele andere Krankheiten imitieren.

  2. Bei geringstem Verdacht auf eine DCI soll zeitverzugslos Sauerstoff mit hohem Fluss gegeben werden (15 l/’) wie in diesem Fall.  

  3. Hat man in den letzten Stunden oder Tagen getaucht, ist es für eine korrekte medizinische Beurteilung unabdingbar, dies den Behandelnden mitzuteilen, auch wenn die Notfallbehandlung (vermeintlich) nicht wegen eines Tauchproblems in Anspruch genommen wird.

  4. Eine DCI kann trotz formalem Einhalten eines korrekten Tauchprofils auftreten.

  5. Repetitivtauchgänge und Dehydratation infolge Alkoholkonsums sind klassische Risikofaktoren, welche das Auftreten einer DCI im Urlaub begünstigen. Mässigung des Alkoholkonsums, bewusste Hydrierung mit alkoholfreien Getränken und das Verwenden von Nitrox wirken dem entgegen.

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