Wenn Flachwasser zur Gefahr wird: Ein Barotrauma und seine Folgen
- Michael Mutter

- 1. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Für ein unvergessliches Taucherlebnis braucht es nicht immer große Tiefen. Oft offenbart sich die ganze Schönheit der Unterwasserwelt schon wenige Meter unter der Oberfläche. Doch gerade diese vermeintlich harmlosen „Easy Dives“ bergen Risiken, die leicht unterschätzt werden. Ein aktueller Fall zeigt eindrücklich, wie selbst ein Tauchgang in geringer Tiefe in eine medizinischen Notfallsituation münden kann.

Der Tauchgang
Ein erfahrener Sporttaucher plante gemeinsam mit seiner Gruppe einen Flachwassertauchgang. Die vorgesehene Tiefe lag bei rund 10 Metern, die Tauchzeit sollte etwa 40 Minuten betragen. Zunächst verlief alles nach Plan. Doch etwa zur Hälfte des Tauchgangs verlor der Taucher plötzlich die Kontrolle über seine Tarierung. Trotz des Versuchs, Luft über den Inflator abzulassen, stieg er unkontrolliert und mit hoher Geschwindigkeit zur Oberfläche auf. Die Tauchpartner beendeten den Tauchgang kontrolliert und eilten zur Hilfe.
An der Wasseroberfläche wurde der Verunfallte umgehend durch seine Tauchkollegen und Passanten geborgen. Er war zu jeder Zeit wach, ansprechbar und orientiert. Unmittelbar nach dem Aufstieg traten jedoch neurologische Symptome auf: eine vollständige Lähmung sowie Sensibilitätsstörungen im linken Bein, später auch im linken Arm. Die Gruppe reagierte vorbildlich: Es wurde sofort 100 % Sauerstoff über einen Tauchregler verabreicht und die Notrufzentrale alarmiert. Parallel wurde eine Druckkammerbehandlung organisiert, und der Patient wurde per Rettungshubschrauber dorthin transportiert.
Therapie
Bei Eintreffen in der Notaufnahme hatten sich die Lähmungen zurückgebildet. Der Patient berichtete über keine anhaltenden neurologischen Defizite. Trotzdem wurde eine hyperbare Sauerstofftherapie nach det US-Navy-Table 6 durchgeführt – komplikationslos. Eine neurologische Untersuchung am nächsten Tag zeigte keine Lähmungen mehr, aber in den Beinen leichte Sensibilitätsstörungen unterschiedlicher Qualitäten sowie eine leichte Gangunsicherheit (Ataxie).
Medizinische Einschätzung
Das klinische Bild mit initialer Hemiparese (einseitiger Arm- und Beinlähmung) und spinalen Reizphänomenen (dissoziierte Sensibilitätsstörungen) in Verbindung mit dem unkontrollierten Notaufstieg spricht stark für ein pulmonales Barotrauma mit nachfolgender arterieller Gasembolie – mit Beteiligung von Gehirn und Rückenmark. Eine Dekompressionserkrankung war auf Basis der Tiefe und Tauchzeit nicht wahrscheinlich. Aus tauchmedizinischer Sicht wurde dem Verunfallten eine Tauchpause von mindestens drei Monaten empfohlen. Eine erneute Freigabe sollte unbedingt durch erfahrene Tauchmediziner erfolgen.
Fazit: Kleine Tiefe, großes Risiko
Dieser Fall verdeutlicht, dass schwerwiegende Tauchzwischenfälle mit neurologischen Symptomen auch in geringer Tiefe auftreten können. Entscheidend für den günstigen Verlauf war die sofortige Gabe von 100 % Sauerstoff, das rasche Alarmieren der Rettungskräfte und die zeitnahe hyperbare Sauerstoffbehandlung.
Der Vorfall unterstreicht die enorme Bedeutung eines sicheren Tarierverhaltens, gerade im Flachwasser. Das Boyle-Mariotte-Gesetz zeigt, warum: Je näher man der Wasseroberfläche kommt, desto stärker wirken sich Volumenänderungen aus. Ein Aufstieg von nur fünf Metern bei einer Tiefe von zehn Metern bewirkt eine Volumenzunahme der Tarierweste um rund ein Drittel – auf 40 Metern Tiefe wären es lediglich etwa 11 %. Dies wirkt sich proportional auf den Auftrieb aus - unverzüglich. Das bedeutet: Ein kleiner Fehler kann in geringen Tiefen schnell zu einem unkontrollierbaren Aufstieg führen.
Kombiniert mit reflexartigem Luftanhalten in Panik entsteht ein gefährlicher Mix. Durch eine fehlende Ausatmung wird die Lunge beim Aufstieg überbläht. Dadurch kann es zum Riss der alveolo-kapillären Membran und zum direkten Eintritt von Luft in die arterielle Blutbahn kommen – mit potenziell lebensbedrohlichen Folgen.
Prävention: Gewicht, Kontrolle, Ruhe
Eine korrekte Bebleiung ist essenziell. Tatsächlich führen zu hohe Bleimengen nur selten zu Zwischenfällen – deutlich häufiger ist das Gegenteil der Fall. Viele Taucher erleben, dass Buddies am Ende des Tauchgangs unkontrolliert aufsteigen, weil sie zu wenig Blei mitführen und der erhöhte Auftrieb als Folge der nahezu leeren Tauchflasche nicht mehr genügend ausgeglichen werden kann.
Im konkreten Fall wurde die Ausrüstung des Verunfallten eingehend untersucht. Es konnten keine technischen Mängel festgestellt werden – insbesondere nicht an Tarierweste oder Inflator. Die Ursache des unkontrollierten Aufstiegs bleibt letztlich unklar, wahrscheinlich ist menschliches Versagen in einem physikalisch besonders kritischen Bereich: dem Flachwasser.





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